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Die rote türkische und die karierte kroatische Flagge suchen noch den Weg in den europäischen Fahnenwald.

Foto:AP/Yves Logghe
Wien - Politiker neigen ja zuweilen dazu, ein wenig den Maulhelden heraushängen zu lassen. Deshalb wird die Frage erlaubt sein, wo eigentlich Heinz-Christian Strache zurzeit ist und was er dort tut. Und vor allem: Wo wird er Freitagabend sein, wenn seine Schreckensvision partielle Wirklichkeit wird?

Am Freitag wird Wien tatsächlich zu ziemlich gleichen Teilen Zagreb und Istanbul sein. 200.000 Fans werden erwartet, die Hälfte davon neu angereiste, 50.000 Kroaten und ebenso viele Türken. Viele Österreicher werden sich wohl ebenfalls ins Getümmel werfen. Aber was wird H.-C. Strache tun? Und wo wird er sein?

Die Wiener Viertelfinalpartie zwischen der technisch feinen kroatischen und der so mitreißenden türkischen Mannschaft hat ja über die unmittelbar mit der Begegnung zusammenhängenden Aspekte ziemliche Brisanz. In Wien messen sich nämlich auch zwei Länder aneinander, die beide an die Tür der EU klopfen und sich deshalb im grauen Politalltag sehr gut fürs Populisieren eignen.

Wobei Kroatien zumindest in Österreich diesbezüglich einen Imagevorteil genießt. Denn das Wiener Außenministerium hat nichts dagegen, den Kroaten die europäische Tür zu öffnen. Die Beziehungen sind traditionell sehr gut, Österreich war ja an vorderster Front bei der Anerkennung des Staates, ist mit einer Summe von 2,2 Milliarden Euro der größte ausländische Investor und trägt mit seinen Touristen einen Gutteil zum Bruttoinlandsprodukt bei, das, geteilt durch die 4,5 Millionen Kroaten, bei mehr als 8000 Dollar im Jahr liegt.

Anders ist das mit der Türkei. Österreich nimmt eine bremsende Haltung in der Beitrittsfrage ein. Die Eröffnung der einschlägigen Verhandlungen im Oktober 2005 mit der Türkei und Kroatien war nur möglich, nachdem dem Begehr der österreichischen Außenministerin Ursula Plassnik nachgekommen wurde, das doch etwas verwaschene Kriterium "Aufnahmefähigkeit der EU" in den Bedingungenkatalog aufzunehmen.

Diese Haltung des von der türkischen Zeitung Milliyet eher uncharmant sogenannten "1,90 Meter blonden Starrsinns" hat sich auch nach dem Regierungswechsel 2007 nicht geändert. Auch Alfred Gusenbauer, der Noch-Kanzler, zeigt in dieser Frage eine Entschiedenheit, die seine eigene Partei sich für andere gewünscht hätte.

Dabei reichen die europäischen Ambitionen der Türkei weit zurück, weiter jedenfalls als die von Kroatien oder auch Österreich. Schon 1963, da tat sich Österreich noch in der EFTA um, wurde ein Assoziierungsabkommen mit der EWG unterzeichnet. Und seither wird den Politikern in Ankara regelmäßig versichert, es habe selbstverständlich eine "europäische Perspektive". Österreich möchte die aber auf eine "privilegierte Partnerschaft" verengen.

Die Türkei wäre freilich wirklich ein ziemlicher Brocken fürs Verdauungssystem der EU. Mit 72 Millionen Einwohnern wäre es das zweitgrößte Land hinter Deutschland, mit dem es zwar die Größe, aber nicht den Lebensstandard teilt. Dazu kommen kulturelle Befürchtungen, die sich mit dem Amtsantritt der islamaffinen Regierung noch verstärkt haben, die freilich gleichzeitig die ökonomische Modernisierung vorantreibt. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 20.06.2008)