Hamburg/London/Berlin - Mit den Auswirkungen des jüngsten israelischen Kurswechsels gegenüber radikalen Palästinensern wie auch dem Libanon und Syrien auf die Rolle der USA im Nahen Osten befassen sich europäische Pressekommentare:

"Die Zeit" (Hamburg):

"Die Amerikaner werden immer weniger gebraucht. Andere Staaten der Region vermitteln, wo jedes Gespräch undenkbar schien - auch weil die USA dagegen waren. So geschieht es in Israel und Palästina, in Syrien, im Libanon. (...) Genau in diesem Augenblick durchbricht Israel die einst mit George W. Bush abgesprochene Blockade und schließt mit Hamas einen Waffenstillstand. Ägypten hat beharrlich den Waffenstillstand herbeiverhandelt. (...) Welch ein Kontrast zwischen den letzten Monaten von Bush und dem letzten Jahr seines Vorgängers Bill Clinton: Im Jahr 2000 dirigierte ein glaubwürdiger und geachteter US-Präsident Friedensverhandlungen Israels mit geeinten Palästinensern und mit Syrien. So viel Dialog unter dem gefürchteten Schulterklopfer George Bush? Ausgeschlossen. Er hat die Spaltung der Palästinenser vertieft und israelische Gespräche mit Syrien lange Zeit abgelehnt. Damaskus war in Washington geächtet, auch wenn das vor allem Teheran half. Vermittelt haben andere. (...) Ob die Verhandlungen über eine israelische Rückgabe der Golan-Höhen an Syrien Erfolg haben, hängt von vielen Fragen ab: Wie stabil ist Israels Regierung? Will sie den Golan wirklich aufgeben? Was hat der syrische Präsident Assad Olmert auf dem Gipfel der 'Mittelmeerunion' in Paris anzubieten? Vorsichtig befürwortet die US-Administration nun die (indirekten israelisch-syrischen) Gespräche in der Türkei.

Die Initiative kam aus dem Mittleren Osten, Amerika folgt ihr. Nach diesem Muster musste Bush auch im Libanon reagieren, den er einst zu einer Arena des Ringens mit Iran erklärt hatte. Im Mai noch ermunterten die Amerikaner die pro-westliche Regierung (von Premier Fouad) Siniora, das Telefonnetzwerk der schiitischen Hisbollah zu kappen. Der Sunnit Siniora tat wie verlangt, darauf eroberte die mit Iran verbündete Hisbollah die Hochburgen der anderen konfessionellen Gruppen und zeigte, wer die Macht im Land hat. Bush sah ohnmächtig zu. Am Ende ging alles ohne ihn."

"The Times" (London):

"Im Nahen Osten entstehen neue Chancen für Frieden häufig in den schlimmsten Augenblicken. Wenn die Spannung steigt oder wenn Kriege drohen, ändern sich die Verhaltensweisen. So wie jetzt die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas. Ministerpräsident Ehud Olmert ist innenpolitisch in einer schwierigen Situation. Seine Umfrageergebnisse sind auf einem historischen Tief, und auf ihm lasten Beschuldigungen über Korruption. Wenn Olmert es ernst meint, muss er Zugeständnisse in seiner Siedlungspolitik im Westjordanland machen. Diese Politik steht einer stabilen Vereinbarung mit den Palästinensern im Wege. So hat er jetzt mit dem Rücken zur Wand eine Waffenruhe vereinbart und hat endlich etwas Positives in seiner Amtszeit gemacht."

"Handelsblatt" (Düsseldorf):

"Auf einmal gibt es positive Nachrichten aus dem Nahen Osten. Als ob plötzlich ein Hauch von Frieden über der Krisenregion liegen würde, sucht der israelische Premier Ehud Olmert das Gespräch mit eingefleischten Feinden seines Staates. Er versucht gleich an mehreren Fronten, ein positives Klima für die israelisch-arabische Annäherung zu schaffen. Die Hoffnung wächst, dass ein neues Kapital aufgeschlagen wird. Sie wird sich womöglich als trügerisch erweisen. Bei all seinen außenpolitischen Avancen geht es Olmert weniger um die Beziehungen Israels zu seinen Nachbarn, als vielmehr um seine Position in der israelischen Innenpolitik. (...) Dass es Olmert mit all seinen Gesprächsangeboten kaum ernst meint, zeigt auch seine Öffentlichkeitsarbeit. Wer im Nahen Osten wirklich Frieden anstrebt, setzt zunächst auf geheime Verhandlungen - das weiß auch Olmert. Großspurige Ankündigungen sind der Sache nie dienlich."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ):

"Die neue Dynamik, die im Nahen Osten in diesen Tagen zu beobachten ist, lässt sich jedoch nicht nur mit Olmerts politischem Überlebenskampf erklären. Zugleich geht die Saat politischer Aktivitäten der vergangenen Monate auf. (...) Boykott und Abriegelung des Gaza-Streifens führten jetzt dazu, dass die Hamas zu einer Waffenruhe bereit war - auch, um wieder aufzurüsten. Olmert rechnet daher nicht mit einer lange dauernden Waffenruhe. Er sieht in der Zustimmung der Hamas einen taktischen Schritt für kurze Zeit. Er zögert jedoch mit einer Großoffensive, denn er war wegen der Führung des Libanon-Krieges vor zwei Jahren stark kritisiert worden. Jetzt will er daher keine Großoffensive in Gaza wagen, ohne sich zuvor ernsthaft um eine Waffenruhe bemüht zu haben. Sollte sie aber morgen scheitern, könnte es übermorgen schon zu dem Einmarsch in Gaza kommen, der dann nicht mehr zum umgehen wäre, sagen Olmert und die Generäle." (APA/dpa)