Ausnahmsweise darf man sich auch einmal umarmen: Christian Ulmen (Zweiter von links) löst als "Dr. Psycho" ab Dienstag auf ProSieben eher Schlägereien aus.

Foto: ProSieben
Die Interventionen des Polizeipsychologen Max Munzl alias "Dr. Psycho" enden auch in den neuen Folgen der ProSieben-Serie meist mit Schlägereien. Wieder erfreut das große komische Talent Christian Ulmen.

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Will Max Munzl diskutieren, kommen von ihm Sätze wie: "Ich kann euch helfen, weil ich anders bin als ihr." Oder: "Wir sind alle Kollegen." Und: "Alles mit sich selber ausmachen ist eben auch keine Lösung." Sätze, die im vorliegenden Fall eher zu Handgreiflichkeiten führen. Max Munzl wiederum will fast immer diskutieren. Ob mit der rabiat eifersüchtigen Kollegin, mit dem frustrierten Frauennichtversteher im Dezernat, mit dem schussbereiten Polizeichef. "Ich kann euch helfen ..."

Das Problem: Meistens arten diese Versuche in Schlägereien aus. Denn: Niemand will mit Max Munzl diskutieren. Sein Vater ruft ihn "Hosenscheißer". Der Chef nennt ihn "Sprechender Pullunder" oder "der Psycho". "Hosenscheißer, Memme, Schlaffi", nennt auch der Darsteller Christian Ulmen seine Figur, den Polizeipsychologen Max Munzl aus der TV-Serie "Dr. Psycho". Aber sonst geht’s Christian Ulmen noch gut.

In der zweiten Staffel der Polizeicomedy "Dr. Psycho" (ab 24. 6., DVD ab 18. 7.) geht Ulmen als verweichlichter Polizeipsychologe wieder allen auf den Geist – und hilft, den nervigen deutschen Comedy-Brei nach "Hausmeister Krause" und Ähnlichem zu überwinden. "Max hat ein großes Problem mit seiner Männlichkeit, weil ihn alle nur als Hosenscheißer sehen. In Wirklichkeit entsteht dieser Eindruck aber nur, weil er sich einer gewissen Empathie hingibt", erklärt Ulmen über Munzl.

Schon einmal sorgte der Hamburger für eine entscheidende Qualitätsverbesserung der deutschen Fernsehunterhaltung. Niveauloses Reality-TV hievte er in eine neue Dimension. Der ehemalige MTV-Moderator schlüpfte in Rollen und veralberte Ahnungslose. Virtuos tat er es als „Mein neuer Freund“ nach britischem Vorbild. Ein Wochenende galt es mit ihm zu verbringen, der sich dann stets von seiner schlechtesten Seite zeigte. Die Kamera lief mit.

Jemand anderer sein

ProSieben setzte die Serie wegen Quotenschwäche voreilig ab. Die Zuschauer protestierten und erreichten die Ausstrahlung – zu Ulmens Freude.

"Mich reizt nicht die Extremität. Das wäre sehr langweilig. Das Klischee der Schauspielerei ist, jemand anderer sein zu wollen. Das geht für gewöhnlich nur zwischen zwei Klappen. In ,Mein neuer Freund‘ konnte ich im echten Leben jemand anderer sein!"

Wer das Fernsehen so gründlich auflöst, kennt das Medium gut. Ulmen ist TV-Junkie. "In meiner Kindheit musste ich so sehr ums Fernsehendürfen kämpfen. Ich würde mir nicht verzeihen, wenn ich diesen erfolgreichen Kampf einfach außer Acht ließe. Ich freu mich heute noch jeden Abend, wenn ich schauen darf."

Was der 32-jährige Vielseher schaut: "Am liebsten Sachen, die ich nicht mag." Einst war das Trash, inzwischen tat sich da eine Leere auf: "Ich habe schon lange nichts wirklich Doofes gesehen", überlegt Ulmen. "Per se spannende Momente" entdeckt er beim Bildungssender Phoenix. "Weil die in voller Länge Pressekonferenzen übertragen. Das ist lustig, zu sehen, wenn einer der Teilnehmer die Tür vom Ausgang nicht findet oder wie sich Journalisten Taschentücher reichen, weil sie niesen müssen."

Der sanfte Loser, der seiner Umwelt den Spiegel vorhält, ist ein in Film und Fernsehen gern gesehener Typus. Nicht für Ulmen. "Wie Ralf Husmann sagt: Es gibt auf der Welt nur drei Witze, die man immer neu zusammenstellen muss. In meiner Fernsehhistorie habe ich deshalb nie den Zwang gespürt, Vorbilder wahrzunehmen." Ralf Husmann ist der im Moment fähigste deutsche Comedyautor. Neben "Dr. Psycho" schrieb er deutsche Fassungen zu "Mein neuer Freund" und "Stromberg".

Ulmen arbeitet an zwei Kinofilmen und an Wiederbegegnungen der Protagonisten aus "Mein neuer Freund". Und wie hält es der "Psycho"-Darsteller selbst mit der Psychotherapie? "Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, aber einfach aus Neugier." Er ließ es bleiben: "Wer weiß, was der aus mir rausholt?" (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 21./22.6.2008)