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Wesley Sneijder am Boden.

Foto:Ronald Wittek/dpa
Basel - Unmittelbar nach Spielende hatte er sein Team um sich versammelt, um ihm für ein großartiges Turnier zu danken. Doch es war eine der bittersten Niederlagen seiner Karriere gewesen. Marco van Basten hatte die EURO 2008 als Höhepunkt seiner Amtszeit als niederländischer Fußball-Nationaltrainer gesehen. In der Gruppenphase war sein Team den Vorschusslorbeeren auch mehr als gerecht geworden. Im Viertelfinale gegen entfesselt aufspielende Russen (1:3 n.V.) waren die Oranjes aber nur Passagier.

120 Minuten Powerfußball - das war selbst dem mit neun Punkten und 9:1 Toren besten Team der Gruppenphase zu viel. Den Niederländern, die in ihren Auftaktspielen Weltmeister Italien (3:0) und Vizeweltmeister Frankreich (4:1) vorgeführt hatten, fehlten am Ende, als Dmitri Torbinski (112.) und Andrej Arschawin (116.) für die Entscheidung sorgten, Kraft und Kondition. "In der Verlängerung haben wir wirklich physische Probleme gehabt. Drei, vier Spieler haben nichts mehr geben können", gestand Van Basten.

Dabei hatte er sein A-Team im abschließenden Gruppenspiel gegen Rumänien geschont, während die Russen nach ihrer Entscheidungspartie gegen Schweden nur zwei Tage Zeit zur Regeneration gehabt hatten. "Ich kann mir das auch nicht erklärten", sagte Van Basten. Ein Grund für die russische Fitness könnte die Kalender-Meisterschaft sein. Während der Großteil der Oranje-Stars bei europäischen Topclubs mehr als 50 Saisonspiele in den Beinen hat, spielen 22 von 23 russischen Teamkickern in der heimischen Liga, die erst elf Runden alt ist.

"Wir waren in der Verlängerung nicht imstande, nach vorne zu spielen. Wir waren physisch am Ende", erklärte Ruud van Nistelrooy, dem eine leichte Knieverletzung zu schaffen machte. In der 86. Minute hatte der Stürmerstar von Real Madrid sein Team zumindest in die Verlängerung gerettet. Ob er seine Karriere im Nationalteam unter Van-Basten-Nachfolger Bert van Marwijk fortsetzen wird, weiß der 31-Jährige noch nicht. Keeper Edwin van der Sar hat dagegen definitiv sein 128. und letztes Länderspiel für Oranje bestritten.

Den Niederländern fehlte in der Offensive auch die Kreativität von Arjen Robben. Der Flügelspieler hatte wegen neuerlich aufgetretenen Adduktorenproblemen passen müssen. "Es war sehr frustrierend, denn ich hätte gerne geholfen", erklärte Robben. "Die Niederlage war verdient, denn die Russen waren physisch überlegen." Spielmacher Rafael van der Vaart denkt ähnlich. "Das ist ein schlechtes Gefühl. Es ist unsere eigene Schuld. Es war klar zu sehen, dass wir nicht gut gespielt haben", sagte der HSV-Regisseur.

"Der Traum ist zerplatzt. Russland übertrumpft Oranje auf allen Fronten", titelte die Zeitung "De Telegraaf". Lob erhielt lediglich der scheidende Kapitän Van der Sar, der mehrere Großchancen zunichte gemacht hatte. Russlands Teamchef Guus Hiddink hatte die Defizite seines Heimatlandes, das er 1998 ins WM-Semifinale geführt hatte, perfekt ausgemacht. "Die Welt liegt Hiddink zu Füßen", schrieb das "Algemeen Dagblad" und "De Volkskrant" ergänzte: "Team Hiddink hat zurecht gewonnen. Russland hat das Spiel dominiert."

Tatsächlich hatten die Russen die Niederländer von der ersten Minute an mit ihrem Tempofußball in die Defensive gedrängt. "Wir sind nicht so gut ins Spiel gekommen wie in den ersten drei Spielen. Vielleicht waren wir auch ein bisschen nervös", meinte Van Basten. "Die Russen waren viel stärker als wir", musste der Bondscoach, der nach vier Jahren im Amt zu Ajax Amsterdam wechselt, eingestehen. "Wir haben einen schlechten Tag gehabt." Doch ein schlechter Tag ist bei einem großen Turnier zu viel - das wissen die Oranjes seit ihrem einzigen EM-Titel 1988 nur zu gut. (APA)