Solange die iranischen Zentrifugen sich weiterdrehen, dreht sich auch der Zeiger einer Stoppuhr jenem Zeitpunkt entgegen, zu dem die israelische Führung eine Entscheidung treffen muss – "eine der schicksalhaftesten und existenziellsten Entscheidungen in der Geschichte des Staates", wie es die Tageszeitung Ha’aretz ausdrückt. Die Israelis werden sich entweder dazu durchringen müssen, mit einer iranischen Atombombe zu leben, oder dazu, die iranische Atombombe mit Gewalt zu verhindern. Beide Optionen sind äußerst unappetitlich.

Bei einem Angriff auf den Iran müsste Israel mit einem Raketenhagel auf seine Städte rechnen, und die ganze Region könnte in einen katastrophalen Kriegsstrudel hineingezogen werden. Dabei könnte Israel gar nicht sicher sein, dass wirklich alle iranischen Nuklearanlagen ausgeschaltet würden. Aber auch die Hinnahme der iranischen Bombe würde den Nahen Osten radikal verändern. Israel wäre in permanenter Auslöschungsgefahr, Menschen und Gelder würden abfließen, die Hamas und die Hisbollah hätten einen Schirm, in dessen Schutz sie sich noch um einiges mehr erlauben könnten als bisher. Mahmud Ahmadi-Nejads Prophezeiung vom Zerfall des „zionistischen Gebildes“ würde sich vielleicht erfüllen, ohne dass der iranische Präsident seine Atombombe überhaupt zu zünden brauchte.

Das Beste für alle Beteiligten und (vorläufig noch) Unbeteiligten wäre es daher, die Zentrifugen in den iranischen Atomanlagen gewaltlos zum Stillstand zu bringen. Das kann, wenn überhaupt, nur durch wirklich schmerzhafte Sanktionen gelingen. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.6.2008)