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Josef Hickersberger geht vom Feld des Teamchef-Daseins.

Foto: Getty Images
Wien – Was Josef Hickersberger am Tag nach dem Spiel gegen Deutschland geritten hat, weiß er selbst nicht genau. Es war der 17. Juni, man hatte sich nach dem 0:1 noch einmal im Balance Resort in Stegersbach versammelt (zur Erinnerung: Dort war das Mannschaftsquartier), um die EURO würdig abzuschließen. ÖFB-Präsident Friedrich Stickler war erschienen, Teamchef Hickersberger saß im Medienhotel Larimar (Was ist eigentlich daraus geworden?) an seiner Flanke und sagte kurz nach zwölf Uhr, er wolle weitermachen, er fühle sich der Mannschaft verpflichtet. Der Boss nahm diese Kunde erfreut zu Kenntnis, betonte, man wolle den gemeinsamen Weg weitergehen und verwies auf die Präsidiumssitzung am 24. Juni in Wien. „Dort sollte das alles abgesegnet werden, es herrscht Einigkeit in den Gremien.“

Am 23. Juni, also gestern, sagte Hickersberger dem STANDARD: „Ich höre auf.“ Stunden später trat er auch offiziell zurück. Und er gestand einen Fehler ein, als er sich damals, in jener Nacht nach dem Deutschlandspiel, an der Bar hat überreden lassen. Von den Spielern. „Ich habe auf Emotionen gehört und bin dann mit der Willenserklärung in die Öffentlichkeit gegangen. In Wahrheit hätte ich mir eine Bedenkzeit nehmen sollen.“

Keine Argumente

Hickersberger hat mittlerweile nachgedacht. Das Ergebnis dieser inneren Einkehr lautet: „Ich bin leer und müde, ich brauche eine Auszeit, muss die Batterien aufladen. Das Kapitel ist abgeschlossen, die Mission wurde erfüllt. Ich habe mir das wirklich reiflich überlegt. Die Geschichte hatte ja immer ein klares Ablaufdatum.“ Ob er seine Meinung noch einmal ändert? „Nein.“ Hickersberger wird an der Präsidiumssitzung natürlich nicht teilnehmen (sehen die Statuten nicht vor), um 13 Uhr stellt er sich der Presse. Präsident Stickler ist über den Sinneswandel informiert. Vermutlich hat er am Sonntag auch das Interview im ORF-Radio gehört, der Teamchef frühstückte mit Frau Claudia Stöckl.

Die Sendung wurde bereits am vergangenen Freitag aufgezeichnet. Hickersberger: „In drei Stunden wird viel gequatscht. Dann wird das eben zusammengeschnitten.“ So war vom Teamchef zu hören: „Ich weiß nicht, ob es überhaupt eine Berechtigung gibt, dass ich bleiben soll. Ich wäre erleichtert, sollte der ÖFB sagen, jemand anderer soll den Job machen. Ich habe mein Bestes gegeben. Es war nicht genug, okay. Wenn ein anderer Teamchef werden soll, bin ich der glücklichste Mensch.“

Hickersberger stellte sich somit selbst infrage. Er hat bekanntlich nicht nur Freunde im Präsidium, Vertreter der Bundesliga stehen ihm kritisch gegenüber. Sie hätten argumentieren können, einer, der keine Lust mehr verspüre, mache wenig Sinn. Durch den Rücktritt wird diese Spekulation hinfällig.

Er legt jedenfalls Wert darauf, „dass das Finanzielle keine Rolle spielt. Keine Sorge, ich werde nie vor dem Stephansdom sitzen und Geld sammeln.“ Die zweieinhalb Jahre hätten trotz des Stresses und mancher Demütigung Sinn gemacht. „Die Mannschaft wurde verjüngt, diesen Weg sollte man beibehalten. Die Liga müsste dem Nationalteam mehr Zeit geben. Es hat sich gut entwickelt. Die EURO daheim war für alle ein gigantisches Erlebnis. Auch für mich.“ Im Nachhinein, sagt Hickersberger, könnte der lachhafte Verweis auf die Tribüne im Deutschlandspiel so interpretiert werden: „Der Übergang ins normale Leben beginnt, ich habe mich entfernt. Vielleicht hatte das Symbolcharakter.“

Hickersberger hat ein paar Tage später im TV den ebenfalls verbannten Joachim Löw im Viertelfinale gegen Portugal gesehen. Hinter einer Glaswand eingesperrt, von Beamten bewacht. „Unwürdig, das lässt mein Gerechtigkeitssinn nicht zu. Man behandelt uns wie Tanzbären. Ich will kein Tanzbär mehr sein.“ Der 60-Jährige will allerdings Trainer bleiben. „Ich kann mir vorstellen, wieder jeden Tag auf dem Platz zu stehen. Irgendwo.“ (Christian Hackl, DER STANDARD Printausgabe, 23.6.2008)