Abtauchen wegen "Anna" ? – Skulptur von Florian Hafele (Klasse Erwin Wurm). Gerald Bast (li.) und Edek Bartz in der Modeklasse: Zu Diplomzeiten und kurz vor der Jahresausstellung sind nirgends mehr Arbeiten zu finden.

Fotos: Angewandte/Urban
Wien – "In Wahrheit ist es ja gar keine Ausstellung" und "kuratiert" ist sie auch nicht wirklich, wird man im Gespräch mit Angewandten-Rektor Gerald Bast und "Kurator" Edek Bartz schnell aufgeklärt. Mit The Essence 08, die jährlich die Essenz eines Studienjahrs aus Architektur, bildender Kunst, Bühnengestaltung, Design, Industrial Design, Konservierung/Restaurierung, Mediengestaltung und Kunstpädagogik präsentiert, will man gerade keine weitere Museums- oder Kunsthallenausstellung sein. Auch wenn man das, relativiert der Rektor, zunächst mit dem Künstlerhaus und nun im vierten Jahr mit dem Museum für angewandte Kunst (MAK), in den "hehren Tempeln der Kunst macht" . Eine klassische Ausstellung, "das ist nicht unsere Aufgabe. Bei uns beginnt die Kunst" .

Auch Edek Bartz, der selbst an der Angewandten unterrichtet und nun schon zum dritten Mal gemeinsam mit den Professoren federführend an der großen Präsentation feilt, kann einer klassischen Ausstellung mit Generalthema wenig abgewinnen. Dazu wären die Positionen an einer Kunstuniversität einfach zu verschieden. Und das, was sich der Kurator ausdenke, dann letztendlich in den Arbeiten nicht wiederzufinden: "Deswegen denke ich mir zunächst mal gar nichts aus und schaue, was passiert" .

Mit Geduld und Spucke

Und das Wort Kurator, sei "auch ein bisschen übertrieben" , bringt Edek Bartz eine immer häufiger anzutreffende "Pfui" -Haltung gegenüber dem Akt des Kuratierens zum Ausdruck. Mehr als um das Suchen und Präsentieren von Arbeiten gehe es doch immer um eine "Dynamik der Schule" . "Was ich eigentlich tue, ist die Sachen zueinanderzubringen oder wie ein Producer – ich komme ja aus der Musik – zu korrigieren." Dazu müsse er die Arbeiten auch nicht auf Anhieb verstehen, sondern ließe sich die Inhalte oft erklären und bringe dann Ideen für alternative Präsentationsmöglichkeiten ein. Das braucht Zeit. Die Ergebnisse solch langfristiger Prozesse lassen sich auch nicht sofort ablesen.

Dass es nicht einfach ist, zwischen der "heilen Welt" der Kunsthochschule und dem harten Kunstmarkt umzuschalten, bestreitet der Kunstmesse-Direktor (Bartz leitet seit 2007 die Viennafair) nicht. Er sei von der Härte des Kunstmarkts selbst überrascht gewesen, sehe es aber nun umso mehr als seine Pflicht an, die Studenten auf die Gefahren von Kritik und Lob vorzubereiten.

Bartz’ besonderes Faible für Kooperationen innerhalb der Institute liegt bei einer Karriere, die vom Musiker über Tour-Manager (u.a. Falco) bis zum Kunsthallendirektor und Hochschullehrer – also durch die verschiedensten Bereiche – führte, auf der Hand. Bartz sieht darin aber auch eine der wesentlichsten Aufgaben einer Kunst-Uni und Stärke der Angewandten: Darauf vorzubereiten, dass die "Kunst nicht isoliert ist" . Viele Künstler würden heute Dinge machen, bei denen man nicht mehr auf Anhieb wisse, ob sie Objekt oder Design sind.

Interaktion der Disziplinen

Bast, der seit 2000 die kreative Bildungsstätte am Ring leitet, pflichtet seinem Producer bei: Es sei ganz wesentlich, die "Atmosphäre dieser Schule in Szene zu setzen" , und das bedeute eben zu zeigen, dass "hier Interaktion stattfindet, auch wenn sie nicht formal in einem Projekt abläuft" .

Wir sind ein "Paradebeispiel dafür, wie die synergetische Wirkung von unterschiedlichen Disziplinen an einem Ort Kraft entfaltet" . In unserer "aristotelischen Kastelwelt ist das etwas Ungewöhnliches und zum Teil auch Furchterregendes" , spielt Bast auf eine andere Debatte an. The Essence 08 sei in Wirklichkeit "eine Antithese zur jetzt laufenden Museumsdiskussion, in der es darum geht, wer was zeigen und machen darf, worauf sich welches Haus konzentrieren soll" .

"Es war lange Zeit so, dass sich Kunstuniversitäten als bloße Lieferanten von Humankapital für den Kunst-, Design- und Architekturmarkt verstanden haben. Und ich sage, das ist zu wenig" , betont Bast energisch. Die Kunst-Unis müssten Innovationskraft für diese Bereiche entfalten, der Ort sein, "wo Neues gedacht wird" .

Frisches Blut und Blicke

Sicher überlege man jedes Jahr, ob man die kuratierte Jahresshow fortsetze. Als Indikatoren für den Erfolg ziehe man, laut Bast, aber nicht nur die steigenden Besucherzahlen, "letztes Jahr musste das MAK bei der Eröffnung wegen Überfüllung zugesperrt werden" , die Zahl der internationalen Gäste aus Kritik, Hochschule und Ausstellungswesen sowie die Resonanz in Form der Berichterstattung heran, sondern berücksichtige, ob sich im Denken in der Schule und der Besucher etwas geändert habe.

Müsse man sich dann nicht ab und an einen anderen und neuen kuratorischen Blickwinkel gönnen? "Das sage ich jedes Jahr" , lacht Bartz, "und auch jetzt bin ich entschlossen, es nicht mehr zu machen" . Er wisse von der Gefahr einer Einschleifung, "gerade dieses Jahr habe ich schon schwere Bedenken gehabt, weil das Ganze zu gut, zu smooth läuft" . Das sei der Punkt, wo man stutzig werden müsse. "Ich bin selber daran interessiert, dass das Ganze gut wird, und achte daher darauf, dass frisches Blut und neue Blicke in die Ausstellung kommen. Es könne aber nicht immer auf dem gleichen Level weitergehen: "Niemand ist ein ewiger Hitlieferant." (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD SPEZIAL/Printausgabe, 24.06.2008)