Bertrand de Billy freut sich auf das Konzert in Schönbrunn, hat aber große Sorgen bezüglich der Zukunft seines RSO Wien.

Foto: Borggreve

De Billy über die drei Stars Anna Netrebko, Rolando Villazón und Plácido Domingo und über Probleme mit dem ORF.


Wien – Zu den speziellen Gesetzen eines klassischen Open-Air-Konzertes gehört, dass ein Dirigent auf verlorenem Posten steht – zumindest in einem Punkt, dem klanglichen nämlich. Da kann der Maestro, ob er nun Georges Prêtre oder Zubin Mehta heißt, fuchteln, was er will – eine noch so schöne Tonanlage metallisiert den Sound des Klangkörpers erheblich. Und wenn nicht einmal das perfekt funktioniert, fühlt sich der Hörer schnell an jene Urzeit erinnert, als die Schellackplatte knisternd regierte.

Bertrand de Billy widerspricht nicht vehement, meint nur, dass man "eben seine Konsequenzen ziehen muss" – beim Repertoire nämlich. "Das sind nicht Konzerte, bei denen man Stücke wählen kann, die nur auf Klangschönheit hin angelegt sind. Man muss brillante Kompositionen nehmen. Ob ich in Schönbrunn anders dirigieren werde, gar schneller? Nun, ich gelte ja auch sonst nicht gerade als langsamer Dirigent. Aber man wird sehen – ich habe Open Air noch nicht oft gemacht."

Die Musiker des RSO Wien müssten sich, sagt de Billy, natürlich "darauf einstellen, dass sie einander nicht so toll hören werden. Wir haben fünf Proben gehabt, das ist nicht viel. Aber es geht letztlich um Spaß, die Herausforderung besteht darin, diesen Spaß gewissermaßen an Musiker und Sänger zu verteilen. Emotion ist möglich, obwohl das nicht der Musikverein ist."

Alles alte Freunde

Zweifellos kann es nicht schaden, dass es sich bei den zu begleitenden Sängern um Anna Netrebko (es ist ihr letzter Auftritt vor der Babypause), Rolando Villazón und vor allem um Veteran Plácido Domingo handelt. "Wir kennen einander sehr gut – sonst könnte ich das alles gar nicht machen. Das Wort Familie ist wohl etwas zu hoch gegriffen, aber gute Freunde, das sind wir. Jeder weiß, was der andere kann, und es wird viel Adrenalin im Spiel sein. Es spielt bei solchen Konzerten eine große Rolle. Domingo ist wohl so eine Art Schutzengel für uns drei; wir haben doch eine besondere Beziehung zu ihm, da er unser Held war, als wir noch klein waren."

Auch habe er nachahmenswert gute Nerven: "Je mehr Kameras da sind, desto besser singt er! In den späten 90ern, als ich in Barcelona am Grand Teatre del Liceu tätig war, wollte er dort unbedingt auftreten. Man muss wissen: Er war in Madrid häufig zu Gast, aber in Barcelona hat man gesagt: ,Was bringst du den, wir haben doch den Carreras!‘ Bei diesen Städten endet die Rivalität ja nicht beim Fußball."

Anna ist super

Für Domingo "war es also eine heikle Rückkehr nach zehn Jahren, er war nervös – dann aber wurde es großartig, es zeigte sich, welche Intensität er entwickeln kann. Zudem: Er ist kein Showman im üblichen Sinne, er inszeniert seine Gefühle nicht." Natürlich kommt man jetzt nicht umhin, ihn auch nach den anderen beiden zu fragen, mit denen er ja jene Bohème aufgenommen hat, die als Film herauskommen wird. Also: "Anna Netrebkos Durchbruch in Salzburg war überhaupt nicht zu früh. Sie hat trotz des Rummels immer eine gewisse Distanz zum Beruf, ist immer top vorbereitet, und sie ist hier in einer Stadt beliebt, in der das auf Dauer gar nicht leicht ist."

Und Villazón? "Er gibt immer 200 Prozent, aber vielleicht war es dann doch etwas zu viel, wodurch er in diese Krise kam. Klugerweise hat er eine Pause eingelegt, und es geht ihm jetzt sehr gut. Mit seinem Temperament ist er natürlich ständig auf der Bühne – also auch im privaten Leben. Und obwohl er alles ein bisschen als Spiel sieht, was gut ist, geht auch ein so intensives Spiel irgendwann auf die Sub-stanz. Aber, er war dann, wie gesagt, klug: Er hat die Pause eingelegt, bevor es wirklich brutal wurde für ihn." Nun, das Musikbusiness ist auch für Leute in Bestverfassung nicht unbrutal. Der CD-Markt hat Probleme, die Labels suchen neue Geschäftsfelder. So hat Manager Jeffrey Vanderveen Netrebko und Elina Garanca von seinem bisherigen Arbeitgeber, der Agentur IMG, weggelockt und für Universal, wo beide Sängerinnen unter Vertrag sind, eine Agentur gegründet. Eine CD-Firma steigt also ins Künstlermanagement ein.

De Billy, 1965 in Paris geboren, findet das einerseits "irgendwie logisch; aber es sollte fair bleiben. Eine Agentur muss die Künstler auch gegenüber einer CD-Firma vertreten. Wenn sich die Interessen plötzlich überlappen – was passiert dann mit dem Künstler? Ich habe einen Agenten, der verhandelt mit der Plattenfirma. Wenn aber ein Agent auch bei der CD-Firma ist, kann er mit mir theoretisch machen, was er will. Die Gefahr ist durchaus gegeben."

Er selbst hat dieses Problem nicht, aber ausreichend Rummel in jedem Fall. Nicht in der Art, wie ihn Starsänger zu bewältigen haben. Aber, was Arbeitsintensität anbelangt, kommt da schon einiges zusammen: De Billy ist im Theater an der Wien und an der Staatsoper tätig, er hat eine Giovanni-Premiere bei den kommenden Salzburger Festspielen und ist daneben auch weltweit unterwegs. Wenn er auch ausreichend Zeit mit seinem Radio-Symphonieorchester Wien verbringt, das er auf ein sehr beachtliches Niveau gehoben hat, so muss er immer auch noch zusätzlichen Stress einplanen, wenn es um die Rahmenbedingungen für das Rundfunkorchesters geht:

Nichts tut sich

"Ich habe große Sorge. Mir wurde viel versprochen, und bisher wurde nichts gehalten. Als Alexander Wrabetz zum Intendanten ernannt wurde, hat er in seinem Konzept betont, dass er das Orchester unterstützen und zu einem der drei besten Rundfunkorchester Europas machen möchte. Als ich ihn zum ersten Mal traf, habe ich ihn gefragt, ob er sich eigentlich bewusst sei, was er da sagt. Wir hatten dann gute Gespräche, es ging um eine Vergrößerung des Orchesters – um bis zu zehn Posten."

Nun jedoch sei davon keine Rede mehr: "Jetzt muss ich darum kämpfen, dass wir unseren Personalbestand halten! Dem ORF ist nicht klar, was er für ein Orchester hat; es ist aus den Köpfen auch nicht heraußen, dass man das Orchester nicht köpfen muss. Ich kämpfe auch darum, dass ein professioneller Manager engagiert wird. Wie gesagt, ich bin besorgt. Eine Ausgliederung des Orchesters fände ich eine absurde Geschichte. Bezüglich meiner Nachfolge passiert ja auch gar nichts. Ich bleibe ja nur bis zum Ende der Saison 2009/10." (Ljubiša Tošic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.6.2008)