Fast schon vorbei ist sie nun also, die EURO. Nur noch ein Spiel steht an, es wird deswegen auch Endspiel genannt. Deutschland und Spanien sind zwei würdige Gegner. Die einen deshalb, weil ihre Beständigkeit als vielzitierte "Turniermannschaft" - die meistens sehr spät von solchen Großereignissen heimreist, oft auch als Letzte - geradezu sensationell ist, die anderen, weil sie perfekten modernen Fußball gezeigt haben, dessen Leichtfüßigkeit schwer beeindrucken musste.

Deutschland spielte in der Vorrunde bestimmt nicht europameisterlich. Aber die Art und Weise, wie Jogi Löws Mannen den programmierten riesigen Stolperstein Portugal atomisierten, nahm jedem, der sie als Glücksritter bezeichnen wollte, das Recht dazu. Spanien dominierte die Gruppe D, aus der es immerhin mit Russland noch eine zweite Mannschaft ins Halbfinale schaffte, nach Belieben und war in der Semifinalrunde um eine Klasse besser als die anderen drei Teams.

Wie das Finale ausgeht, ist dennoch naturgemäß völlig offen, dazu muss keine der vielzitierten Fußballweisheiten bemüht (oder auch: keine der bemühten Fußballweisheiten zitiert) werden. Sind "wir" aber auch dabei, auf dem Stockerl, als unsichtbarer Herr Karl, wenn Herr Michel (Platini) den Deutschen oder den Spaniern die Medaillen umhängt? Hat Österreich durch die EM auch gewonnen?

Eines jedenfalls: Die Erkenntnis, dass Fußballfans auch nur Menschen sind. Was sind im Vorfeld nicht Katastrophen herbeigeredet worden über marodierende Horden, laut wie die Südosttangente und schön blau wie die Donau? Letztlich gab es bloß ein paar kleinere Scharmützel, in ihrer Unaufgeregtheit vielleicht gerade noch der Schreibe, aber kaum der Rede wert. Nein, Fußballfans sind keine Tiere, schon gar keine Melkkühe, die sich von früh bis spät hinter Zäune sperren lassen, um dort billiges Bier zu europameisterlichen Höchstpreisen zu erstehen.

Und was wir jetzt auch noch wissen: Dass noch viel Wasser nicht nur sehr weit, sondern auch noch sehr oft die Donau hinunterfließen muss, bis ein österreichisches Nationalteam bei einem derartigen Großturnier wieder die Deutschen verputzen kann. Der Mythos Cordoba bleibt ein solcher, er konnte nicht abgeschüttelt werden am 16. Juni 2008 im ausverkauften Happel.

Aber wie denn auch? Wir haben schließlich mit unseren Traumas noch genug zu tun: Wie Toni Pfeffer am 27. März 1999 in Valencia beim Halbzeitstand von 0:5 glasklar analysiert hat, dass man "nicht mehr hoch gewinnen" werde. Oder wie am 12. September 1990 plötzlich und unerwartet die Färöer Inseln wie der Blitz aus dem Ozean stiegen.

Dazwischen war eine kurze Amtszeit des "Wödmastas" Ernst Happel. Kurz vor seinem Tod sprach er noch von der "Basis, auf der man aufbauen kann". So wie jetzt, wo auch wieder groß von der Erstarkung des österreichischen Fußball-Nationalteams die Rede ist.

Muss man sich vor der im Herbst beginnenden WM-Quali also schon fürchten? Nein, muss man nicht, denn zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Und eines ist ohnehin unabänderlich: Wien bleibt Wien, wie es singt (von den Geigen im Himmel), lacht (über die eigenen Unzulänglichkeiten) und grantelt (über alles). Ab morgen auch ohne Fußball-EM wieder. (Martin Putschögl, derStandard.at, 29.6.2008)