Bernd Schilcher: "Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

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Jetzt ist es dann endlich so weit. Nach dem großen Schwenk der SPÖ von einer mehr oder weni- ger eigenständigen Partei hin zum Wurmfortsatz des Boulevards samt Aufkündigung der gemeinsamen EU-Politik wird es wohl in Kürze Neuwahlen geben.

Was sonst? Das ist jetzt wie in einer Ehe, wo man sich zunächst geschworen hat, mindestens fünf herrliche Kinder aufzuziehen, aber der eine Partner nach ein paar kläglichen gemeinsamen Versuchen plötzlich die Vorteile der totalen Enthaltsamkeit entdeckt. Will man die restliche Zeit nicht nur Rosenkriege, ist das Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende vorzuziehen.

Auch die Frage, was nach der Scheidung kommt, ist "post Schwenkum" ganz neu zu beantworten. SPÖ und ÖVP müssen keineswegs die vielfach prophezeite Koalition der Verlierer eingehen. Es gibt zumindest eine Alternative: Der SPÖ und der FPÖ, die sich mit dem großen Bruder des Boulevards im Hintergrund immer ähnlicher werden, reichen 51 Prozent. Wobei ganz egal ist, wer die 25 Prozent und wer die 26 Prozent bekommt.

Rote & Strache ...

Die neue Koalition der EU-Aussteiger sollte dann freilich sofort Nägel mit Köpfen machen und eine Volksabstimmung über den Austritt Österreichs aus der Europäischen Union ausschreiben. Schlagen die in allen Umfragen festgestellten 70 Prozent EU-Gegner zu, dann sind wir endlich draußen. Weg mit all den Widerwärtigkeiten aus Brüssel. Die Grenzbalken gehen wieder runter und werden dieses "Ausländer-G’sindel" abhalten, uns zu überfremden. Statt der gegenwärtigen 40.000 Zuwanderer jährlich werden es die guten alten 3000 Gastarbeiter sein, die nach getaner Arbeit verlässlich verschwinden. Wir können endlich jede Menge Schulen schließen und Lehrer entlassen, die ja nur für diese Ausländer arbeiten mussten.

Unsere Unternehmen brauchen nicht mehr ins EU-Ausland, sondern bleiben bei uns. Die Bauern müssen sich nicht länger nachsagen lassen, dass sie nur von Unterstützungen aus Brüssel leben, und der von der EU entfachte Preisanstieg auf allen Gebieten macht wieder den alten, niedrigen Preisen Platz, die dann freilich auch den niedrigen Einkommen entsprechen.

... gegen Schüssel & Brüssel

Natürlich holen wir uns den stabilen Schilling zurück und pfeifen auf den Teuro. Ein Aus auch für die lästigen, teuren und zeitaufwändigen Partnerschaften im Wissenschafts- und Forschungsbereich. Dieses ständige Herumgefahre der Schüler und Studenten in ganz Europa hat gleichfalls ein Ende: Wir bleiben im Lande und nähren uns.

Damit die Grenzen zu den Tschuschen, Tifosi und Tschechen wirklich dicht bleiben, könnte man einen paramilitärischen Privatordnungsdienst ins Leben rufen, bei dem all die tausenden von Leserbriefschreibern und Sympathisanten des Boulevards in schmucken "Kronen Zeitung-Uniformen" unter dem Kommando der Doppelspitze von Hans-Peter Martin und Hollaender, dem Jüngeren, Vaterlandsdienst tun.

Das alles ginge freilich viel schneller und billiger, wenn man diese Volksabstimmung gleichzeitig mit den Neuwahlen abhielte. In den einen Schlitz der Urne die Stimmen für Faymann, Gusenbauer und Strache – in den anderen die gegen Brüssel und Schüssel. Wenn schon, denn schon. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2008)