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"Ich habe so viel aus Schmerz und Erniedrigung geweint. Heute weine ich aus Freude": Ingrid Betancourt wird in Paris von Präsident Nicolas Sarkozy und dessen Frau Carla Bruni empfangen.

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Betancout-Bewacher Gerardo Aguilar aka "César" soll laut Radio Suisse Romande für Geld die Seiten gewechselt haben.

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"Césars" Ehefrau Luz Dari Conde Rubio ("Dorís Adriana") soll den Kontakt zur FARC hergestellt haben

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20 Millionen Dollar haben zwei Mitglieder der Farc-Rebellen in Wahrheit für die Freilassung von Ingrid Betancourt und 14 weiteren Geiseln erhalten. Das meldete der Schweizer Rundfunk unter Berufung auf einen Informanten.

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Paris/Bogotá – Ein rauschender Empfang sollte es werden, ein Hollywood-Stück im Sarkozy-Stil. Der französische Präsident samt illustrer Gattin am Fuß der Gangway, Ingrid Betancourt, die französisch-kolumbianische Politikerin, die nach sechs Jahren als Geisel im Dschungel in ihrer Wahlheimat landet, ein luxuriöses Abendessen im Elysée-Palast und überlebensgroße Poster am Gitterzaun des Senats in Paris:"Endlich frei!"

Geworden ist daraus am Freitag, dem Tag zwei der Freiheit für Ingrid Betancourt, eine giftige Debatte über die wirkliche Rolle, die Nicolas Sarkozy und die französische Regierung bei der Befreiung der 46-Jährigen gespielt haben, und ein Mediencoup aus der Schweiz: 20 Millionen Dollar hätten die zwei Bewacher Betancourts und der 14 weiteren freigelassenen Geiseln erhalten, meldete der Schweizer Radiosender RSR Freitagmittag, wenige Stunden vor der Landung Betancourts in Paris. Die spektakuläre Befreiungsaktion mit einem Hubschrauber und kolumbianischen Regierungssoldaten in Che-Guevara-Shirts sei inszeniert gewesen.

"Erprobte Quelle"

Eine "glaubhafte und in den vergangenen Jahren mehrfach erprobte Quelle" stünde hinter dieser Version der Ereignisse, gab das Schweizer Radio an. Die Schweizer Regierung war in den vergangenen Jahren ebenso wie die USA und Frankreich von Kolumbiens Präsident Alvaro Uribe mit einer Vermittlungsmission beauftragt worden.

Nach Informationen des RSR wickelten die USA den Handel mit den Bewachern der Geiseln ab. FARC-Kämpferin Luz Dari Conde Rubio alias Dorís Adriana, die seit 1. Februar inhaftiert ist, hätte als Verbindungsmitglied gedient. Sie war von der kolumbianischen Armee festgenommen worden, hätte sich dann wieder den Farc im Dschungel angeschlossen und ihren Mann, Geraldo Aguilar, überreden können, die Seiten zu wechseln. Der Wächter saß in dem Hubschrauber mit den getarnten Regierungssoldaten.

Die Inszenierung einer Befreiungsaktion hätte dieser Version zufolge Vorteile für Präsident Uribe gehabt: Er könnte weiter glaubhaft machen, dass er keine Verhandlungen mit der Farc führe, und er würde seine Gunst in der Bevölkerung bei vorgezogenen Präsidentschaftswahlen, die er nun wünscht, schlagartig mehren.

Die kolumbianische Regierung dementierte umgehend: Es sei vielmehr eine "saubere und erfolgreiche" Aktion gewesen, sagte Vize- Präsident Francisco Santos am Freitag dem argentinischen Radiosender América. Der Radiobericht beruhe auf "Gegeninformationen" der FARC, fügte Santos hinzu.

Die USA bestritten, Lösegeld für die Freilassung von drei Mitarbeitern des Rüstungskonzerns Northrop Grumman bezahlt zu haben: "Wie viel wir für die Freilassung der drei nordamerikanischen Geiseln gegeben haben? Null. Nicht einen Dollar, nicht einen Peso, nicht einen Euro. Absolut nichts", sagte der US-Botschafter William Brownfield in Bogota am Freitag.

Auch Betancourt selbst glaubt nicht, dass ihre Befreiung inszeniert war und Lösegeld gezahlt wurde: "Das, was ich miterlebt habe, kann keine Inszenierung gewesen sein", sagte sie am Freitag in Paris. Die kolumbianischen Militärs, die unbewaffnet als Vertreter einer Hilfsorganisation auftraten, seien enorm angespannt gewesen. "Als der Hubschrauber abhob und der FARC-Kommandant überwältigt war, brach eine enorme Freude aus. Die war sicher nicht gespielt", sagte Betancourt.

Gefoltert und erniedrigt

Ingrid Betancourt, für die unerheblich sein dürfte, ob ihr sechs Jahre währendes Martyrium durch Geldzahlungen oder eine trickreiche Operation der kolumbianischen Armee ein Ende fand, berichtete erstmals selbst über ihre Zeit als Geisel. Sie sei gefoltert und erniedrigt worden, sagte Betancourt in einem Interview mit dem französischen Sender Europe 1. Drei Jahre lang habe sie rund um die Uhr Ketten tragen müssen. Sie habe "schwere Krisen" durchgemacht und Misshandlungen der linksgerichteten Farc-Rebellen ertragen. "Es war so grauenhaft, dass es ihnen, glaube ich, selbst zuwider war" , sagte sie über ihre Geiselnehmer.

Dem Fernsehsender France 2 sagte sie: "Ich würde kein Tier so behandeln", wie sie behandelt worden sei. Was sie mit ihrer plötzlichen Freiheit nun tun werde, wisse sie noch nicht. Sie habe sich auf weitere Jahre in Gefangenschaft eingestellt und stehe noch "unter Schock". Rebellen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) hatten Betancourt und ihre Mitarbeiterin Clara Rojas im Februar 2002 verschleppt. Der Sprecher des französischen Außenministeriums gab an, Paris habe kein Lösegeld gezahlt. Das Schweizer Radio hatte dieses allerdings auch nicht behauptet. (mab, AFP/DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.7.2008)