Die New York City Waterfalls von Olafur Eliasson: Die Installation ist an vier Orten im Hudson River zu sehen, im Bild die Brooklyn Bridge bei Nacht.

Foto: Julienne Schaer
Der dänische Künstler Olafur Eliasson (41) hantelt sich von einem Kunstprojekt zum nächsten. Für BMW konzipierte er das 16. Art-Car (der Standard berichtete), für diverse Architekturprojekte von den kommerziellen Fünf Höfen in München bis hin zur neuen Oper in Oslo lieferte er Entwürfe für Luster, Möbel und Wandgestaltungen, und das MoMA in New York zeigte im Frühjahr eine Retrospektive unter dem Titel Take Your Time .

Nun sind entlang dem Hudson River zwischen Manhattan und Brooklyn die New York City Waterfalls zu sehen. Während es Eliasson in erster Linie auf eine Verräumlichung der Stadt abgesehen hat, spricht Bürgermeister Michael Bloomberg vor allem vom touristischen Profit. Hier prallen Welten aufeinander. Ein Gespräch mit einem Charmeur.

ALBUM: Warum gerade Wasserfälle?

Olafur Eliasson: Ich habe nicht unbedingt an das Bild eines Wasserfalls gedacht. Ich wollte in erster Linie ein Spektrum an Möglichkeiten schaffen, die auf den Raum dynamisch eingehen. Ganz zu Beginn, also vor etwa sechs Jahren, habe ich daran gedacht, etwas im Central Park zu machen. Doch dann kamen mir Christo und Jeanne-Claude mit ihrem Projekt The Gates in die Quere. Im Nachhinein bin ich allerdings froh darüber, denn im Central Park hätte ich niemals diese Vielfalt an Menschen und Charakteren ansprechen können. Die Nähe zu den teuren Immobilien ist einfach zu groß. Hier unten am Wasser ist es besser.

ALBUM: Bei der Eröffnung haben Sie gesagt, in dieser Arbeit gehe es konkret um die Beziehung zwischen Mensch und Stadt. Inwiefern?

Eliasson: Mich faszinieren in New York die verschiedenen Räumlichkeiten und Qualitäten. Frühmorgens machen viele Chinesen am Pier ihre Tai-Chi-Übungen, andere Leute gehen in der Zwischenzeit in die Arbeit, und um 10 Uhr kommen dann die ersten Touristen. All diese Leute haben etwas gemeinsam: Sie stehen in diesem städtischen Raum in einem kausalen Zusammenhang. Wenn sie einen Schritt machen, dann verändern sie den Raum. Wenn sie am städtischen Geschehen teilnehmen, dann verändert sich durch ihr Tun die umliegende Stadt. Im weitesten Sinne ist das fallende Wasser der Beweis dafür, dass Zeit vorhanden ist – der Beweis dafür, dass sich etwas tut.

ALBUM: Das ist nicht unbedingt ein New Yorker Spezifikum.

Eliasson: Nein, aber New York ist für eine aktive Teilnahme am urbanen Geschehen offen und aufgeschlossen. Das ist nicht überall der Fall. Vielen amerikanischen Städten kann man eine gewisse klassizistische, historisierende und normative Rolle vorwerfen. Vor allem die mittelgroßen Städte in den USA haben eine sehr strenge Vorstellung davon, was normal ist. Und dann kommen private Investoren, passen sich dem an und bereichern den öffentlichen Raum der Städte auf ihre Art und Weise. Damit tragen sie kontinuierlich zur Swarovskisierung dieser Erde bei. Das ist eine Zerstörung der Öffentlichkeit. Mit Kunst kann man das stoppen.

ALBUM: Dann wären die Wasserfälle in einer unaufregenden 08/15-Stadt irgendwo in den USA aber besser aufgehoben als hier!

Eliasson: New York ist zwar räumlich gesehen eine tolerante Stadt, aber andererseits ist das Bild von New York in einem großen Maße vorgeprägt. Diese Stadt hat sich schon so oft als Ikone dargestellt, dass sie auf einer gewissen Metaebene ihre Offenheit und ihre räumliche Dimension längst verloren hat.

ALBUM: Wie ist New York heute?

Eliasson: Es ist platt und zweidimensional. Manhattan besteht aus der Skyline und dient in erster Linie der Repräsentation. Wenn Sie die Brooklyn Bridge anschauen, dann könnte das genauso gut eine Ansichtskarte sein. Man liest den Raum als Fotografie und sieht die Räumlichkeit nicht mehr.

ALBUM: Warum arbeiten Sie so gerne vor dem Hintergrund Stadt?

Eliasson: Ich arbeite gerne an dichten Orten, damit sich mein Werk in der Welt fortsetzt. Wenn kein ausreichendes Publikum da ist, dann ist der Bedeutungsträger womöglich schwach. Man kann das auch ruhig als Performance bezeichnen. Ich glaube, dass die Anwesenheit von Menschen für meine Arbeit sehr wichtig ist. Ohne Menschen frage ich mich, ob das Werk überhaupt existiert. Ob ich überhaupt existiere!

ALBUM: Bürgermeister Michael Bloomberg hat zugegeben, dass er dem Wasserfallprojekt am Anfang nichts abgewinnen konnte. Woher der plötzliche Umschwung?

Eliasson: Ich habe ihm gesagt, dass Kunst die Welt verändern kann.

ALBUM: Und das hat gereicht?

Eliasson: Ich dachte die ganze Zeit, Bloomberg sei ein typischer Republikaner. Aber ganz im Gegenteil! Es ist sehr anspruchsvoll. Er hat gleich zu Beginn gesagt, dass er von Kunst nicht viel verstehe. Im Endeffekt hat er sich mit den New York City Waterfalls sehr intensiv auseinandergesetzt.

ALBUM: Schon bei der Eröffnung erklärte er, dass er durch die Installation Mehreinnahmen von 55 Millionen Dollar erwarte. Wird hier die Kunst nicht auf ein touristisches Marketingtool reduziert?

Eliasson: Es schreckt mich jedes Mal, wenn er über die 55 Millionen Dollar spricht. Schauen Sie: Es ist meine Aufgabe, mich in der Öffentlichkeit zu positionieren, um den Worten Bloombergs ein Gegengewicht bieten zu können. Das ist auch der Grund, warum ich gerade das Interview mit Ihnen führe, obwohl ich mich in solchen Situationen nicht besonders wohlfühle. Ich möchte die Chance nutzen, das Kunstprojekt aus meiner Sicht zu verbalisieren. Und wenn ich darüber spreche, dann klingt das eben anders, als wenn ein Politiker dazu Stellung bezieht.

ALBUM: Jetzt sind Sie meiner Frage ausgewichen.

Eliasson: Ich sage es deutlicher. Ich war es, der das Projekt vorgeschlagen hat. Ich habe das Konzept nicht auf Einladung New Yorks verfasst, sondern habe jahrelang zusammen mit dem Public Art Fund daran gearbeitet. Und nein, ich will nicht, dass die New York City Waterfalls auf ein Marketingtool reduziert werden. Aus diesem Grund habe ich mit der Stadtverwaltung das Agreement getroffen, dass die Wasserfallfotos nicht für touristische Werbezwecke verwendet werden dürfen.

ALBUM: Die Werbung mit Kunst lässt sich aber nicht vermeiden.

Eliasson: Nein, aber es lässt sich auch nicht leugnen, dass auch die Kunst von der Wirtschaft profitiert. Ich will Ihnen ganz unverblümt ein Beispiel nennen: Ohne die jahrelange Unterstützung des österreichischen Lichtproduzenten Zumtobel könnte ich meine Lichtinstallationenen niemals auf diesem hohen Niveau erarbeiten und daran experimentieren. Das gehört einmal klar gesagt! Ich finde es wichtig, dass man nicht so tut, als sei Kunst kein Bestandteil der Wirtschaft. Tatsache ist: Kunst ist ein Wirtschaftsfaktor. Aber diese Beziehungen zwischen Kunst und Wirtschaft sind ein sehr heikles Terrain, und deshalb weichen viele Leute diesem Thema aus.

ALBUM: Zum Abschluss: Warum fährt die ganze Welt auf Olafur Eliasson ab?

Eliasson: Das weiß ich nicht. Ich kann mir das nur pragmatisch und sachlich erklären. Ich habe viele Jahre hindurch an mehreren Projekten parallel gearbeitet. Plötzlich hat es sich ergeben, dass all diese Projekte gleichzeitig fertiggestellt und realisiert werden. Das schafft natürlich Überexponierung.

ALBUM: Ist dieser Hype also eine Ausnahmesituation?

Eliasson: Vor fünf Jahren hat sich auch sehr viel getan, vor zwei Jahren dann weniger und jetzt wieder mehr. Das Leben wird nicht langweiliger, nur stressiger.

(Wojciech Czaja, ALBUM/DER STANDARD, 12.07/13.07.2008)