Bei Prozentsätzen für die Lohnrunde im Herbst hält sich Foglar zurück, aber mehr als im Vorjahr sollte schon herausschauen.

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Metaller-Gewerkschafter Erich Foglar bedauert das Platzen der Regierung, weil sich die Steuerentlastung verzögert. Nun sollen hohe Lohnabschlüsse einen Ausgleich schaffen, erklärt er Andreas Schnauder.

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STANDARD: Trotz saftiger Lohnrunde im Vorjahr sinken die Realeinkommen wegen Inflation und Lohnsteuer. Ist die aktuelle Form der Lohnpolitik nicht gescheitert?

Foglar: Die Lohnpolitik bleibt nach wie vor ein wichtiges Instrument, das Einkommen und Lebensstandard sichert, so schwierig die Situation auch ist. Ein Grundproblem, das man mit der Lohnpolitik nicht lösen kann, ist die Steuer. Daher ist es für uns so wichtig, dass rasch eine Steuerreform kommt. Aus diesem Grund bin ich überhaupt nicht glücklich, dass die Regierung geplatzt ist, weil uns das nur Zeit kostet. Wenn die Steuer den Großteil der Lohnerhöhungen wegfrisst, ist es ziemlich egal, mit wie viel Prozent wir abschließen. Man wird das nie aufholen können.

STANDARD: Wenn es jetzt keine rasche Entlastung gibt, drängen Sie dann auf eine Kompensation im Zuge der Lohnrunde?

Foglar: Wir haben ein Wachstum, das leicht nach oben revidiert wurde, die Realwirtschaft entwickelt sich gut. Die Stützen der Konjunktur sind die Exporte und die Investitionen, das schwächste Glied ist der Konsum. Daher ist es wichtig, dass man diesen Faktor stärkt.

STANDARD: Bei fast 3,5 Prozent Inflation und weiteren Produktivitätsfortschritten käme man auf fünf Prozent Lohnerhöhung – entspricht das Ihren Vorstellungen?

Foglar: Wir wollen den Produktivitätsfortschritt fair zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen teilen. Man kann nicht ganz wegdiskutieren, dass die Inflation auch die Betriebe belastet. Manche Branchen können sie weitergeben, manche nicht. Wer die höheren Preise sicher nicht weitergeben kann, sind die Arbeitnehmer. STANDARD: Die Frage ist nicht beantwortet.

Foglar: Sie werden von mir keine Zahlen hören. Nur so viel: Nachdem die Inflation höher ist, ist das sicher ein entscheidender Faktor. Bei der letzten Lohnrunde mit einem Abschluss von unter dem Strich 3,6 Prozent ist man von einer Inflation von 2,2 Prozent im heurigen Jahr ausgegangen. Jetzt haben wir 3,5 Prozent: Das kann nicht unberücksichtigt bleiben.

STANDARD: Manche Industrien wie die Stahlerzeugung florieren, die Verarbeiter zerreißt es wegen der Überwälzung der Preise. Sind da einheitliche Abschlüsse für alle Branchen überhaupt noch zeitgemäß?

Foglar: Das hören wir schon seit zwei Jahren. Fakt ist, dass die gesamte Industrie schöne Steigerungen aufweist und die Exporte die Hauptstütze sind. Trotz der hohen Stahlpreise ist unsere Industrie konkurrenzfähig. Die Auftragsbücher sind nach wie vor voll. Viele Betriebe werden wieder Rekordgewinne einfahren. Natürlich gibt es immer Firmen, denen es schlecht geht. Gerade die Metallindustrie ist sehr stark verflochten. Konzerne haben oft Mitgliedschaften in drei, vier Fachverbänden. Was macht er dann? Die eine Abteilung zahlt dies und die andere das. Erklären Sie einmal den Leuten, warum die einen in der Halle daneben weniger kriegen als in der anderen.

STANDARD: Wäre es nicht geboten, die Löhne stärker gewinnabhängig anzupassen?

Foglar: Wir haben das letztes Jahr erstmals gehabt. 80 Prozent haben 200 Euro Einmalzahlung bekommen, weitere 15 Prozent 150 Euro. Unser Schwergewicht liegt gerade wegen der Inflation auf fixen Prozentsätzen. Die höheren Preise bilden ja die Basis für die nächste Inflation.

STANDARD: Aus Sicht der Notenbanken und vieler Ökonomen heizen hohe Lohnrunden die Preise weiter an.

Foglar: Ich kann dieses Argument nicht nachvollziehen. Wenn wir eine Konjunktur hätten, die auf einen überhitzten Konsum aufgebaut ist, könnte ich es noch verstehen, dass es zu einer Spirale kommt. Die Inflation kommt ausschließlich aus den Energie- und den Lebensmittelpreisen, und die werden vom Weltmarkt und von Spekulanten bestimmt. Die jüngste Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank ist insofern kontraproduktiv, als nun jedes Unternehmen, das seine Investitionen mit Krediten finanziert, dafür mehr Zinsen zahlt. Und jeder private Häuslbauer oder Autokäufer ebenso. Die Zinspolitik führt somit zu einer weiteren Verteuerung. Das ist ein Umschichten zur Finanzwirtschaft, weil sich über die höheren Zinsen nur die Banken freuen.

STANDARD: Was halten Sie von einer besseren steuerlichen Förderung der Mitarbeiter- und Gewinnbeteiligung?

Foglar: Nicht sehr viel, weil es eine Ungleichbehandlung all jener ist, die nicht in den Genuss einer Gewinnbeteiligung kommen. Verteilungspolitisch gesehen ist das absolut schlecht. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.7.2008)