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Fahrzeuge mit zwei PS sind auch in China nur eine temporäre Möglichkeit, mit dem sprunghaften Anstieg der Weltmarktpreise für Öl fertig zu werden.

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An Pekings Taxen zeigt sich das Dilema der unvollendet gebliebenen Marktreformen Pekings. Das Benzin für sie wird subventioniert, auch wenn sich der Staat das angesichts des Ölpreises eigentlich nicht leisten kann.

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Peking - Olympiagäste- und Touristen, die am Pekinger Flughafen eintreffen, erleben bei der Weiterfahrt mit dem Taxi eine angenehme Überraschung. Selbst wenn sie in den neuen VW-Santana 3000 des Fahrers Yu Longjie einsteigen – der Preis ist überall gleich billig. Er fängt bei zehn Yuan (0,94 Euro) für die ersten drei Kilometer an. Pro weiterem Kilometer kommen zwei Yuan (19 Cents) dazu.

An Pekings Taxen zeigt sich das Dilemma der unvollendet gebliebenen Marktreformen Pekings. Sie bleiben preiswert, obwohl auch China angesichts explodierender Weltmarktkosten seine staatlich festgelegten Abgabepreise für Öl kräftig anheben ließ. Diesel und Benzin wurden im Juni um 1000 Yuan (94 Euro) und der Flugzeugtreibstoff Kerosin um 1500 Yuan heraufgesetzt. An den Tankstellen sprang Benzin vom Literpreis 5,34 Yuan auf 6,20 Yuan (58 Cent). Verglichen mit Europa ist das fast geschenkt. Vor allem aber braucht Taxifahrer Yu Longjie seine Mehrkosten nicht selbst tragen und auch nicht auf den Fahrgast abwälzen. Die Stadt und ihre Taxigesellschaften subventionieren ihn mit einer monatlichen Beihilfe von 525 Yuan. Rund 17,5 Yuan (1,80 Euro) macht das pro Tag aus. "Um als Taxifahrer genug zu verdienen, muss ich täglich 300 Kilometer fahren" rechnet Yu vor. Der Zuschuss reicht aus, dass er bei Benzin nicht draufzahlen muss.

Nicht nur die Olympiastadt Peking, auch andere Städte Chinas tragen einen großen Teil der Mehrkosten, um sozialen Frieden und Wirtschaftswachstum zu erhalten. Die unveränderten Fahrpreise der 66.000 Pekinger Taxen kostet die Stadtregierung rund drei Millionen Euro. Der Staat bezuschusst eine Reihe von Produktionsmitteln, auf deren billige Bereitstellung Chinas Wirtschaftswunder zum großen Teil beruht. Marktgerechte Öl- und Strompreise glaubt Peking dem Verbraucher nicht zumuten zu können.

Allerdings kann sich Pekings Regierung auf Dauer ihr Lavieren zwischen Plan- und Marktwirtschaft nach dem sprunghaften Anstieg der Weltmarktpreise für Öl nicht leisten. China führte 2007 mit 163 Millionen Tonnen die Hälfte seines Bedarfs ein und musste immer höhere Preise zahlen. Im Halbjahr 2008 ließ Peking elf Prozent mehr Öl als 2007 einführen. Für die 90 Mio. Tonnen Öl und 21 Mio. Tonnen an verarbeiteten Ölprodukten zahlte es 85,8 Prozent mehr.

Die Kosten schmerzen. Vor der jüngsten Juni-Erhöhung der Öl-Binnenpreise machten chinesische Raffinerien 3000 Yuan (282 Euro) Verlust pro Tonne. Die jetzige Preiserhöhung brachte ihnen nur kurzfristig Linderung. Bei inzwischen 145 Dollar pro Barrel müsste Peking erneut nachziehen, tut es aber nicht.

Angst vor dem Volkszorn

Auf private Geschäfte wirkt sich die Verteuerung des Öls überall aus. Selbst der Obst- und Getränkehändler Lei Meng im Pekinger Stadtviertel Sanlitun spürt sie an den gestiegenen Transport- und Materialkosten. Er muss seit dieser Woche für einen Kasten Wasser mit 18 Plastikflaschen der Marke Kang Shifu statt 15 Yuan 18 Yuan bezahlen. Die Flasche verkauft er statt für 1,30 Yuan jetzt für 1,50 Yuan. Im Warenkorb der Inflation spiegeln sich solche Transaktionen nicht wider. Gestiegene Transportkosten verteuern die Agrarprodukte. Ihre Preise wären noch höher, wenn der Staat nicht die Düngemittel, Diesel und Kraftstoffe für Bauern subventionierte.

Chinas Marktökonom Fan Gang verlangt, dass Peking seine zu lange verzögerten Preisreformen bei Produktionsmitteln, Energie und Öl weiterführt. Äußere- und innere Bedingungen scheinen denkbar schlecht für mutige Reformen. Im Mai ließ Chinas Zentralbank 20.000 Bürger befragen: Wie sie den bisherigen Preisanstieg von sieben Prozent aushalten würden? Das Ergebnis: 45 Prozent hielten ihn für unerträglich. Unter Druck, die Stabilität während der Olympischen Spiele zu garantieren, greift die Regierung zu alten Rezepten. In allen sechs Olympiastädten lässt sie eine Art von öffentlicher Preisüberwachung organisieren mit Bürgertelefonen, die anzeigen sollen, wer und wo die Preise plötzlich erhöht und damit Volkszorn schüren könnte. Solche Maßnahmen halten nur kurze Zeit vor. Unter dem Teufelskreislauf höherer Löhne für seine Arbeitskräfte, inländischer Inflation, sich verteuernder Rohstoffe, der Aufwertung seiner Währung gegenüber dem Dollar und der Wachstumsschwäche der Weltwirtschaft verliert China derzeit rasant an Wettbewerbskraft.

Der Ölpreis aber steigt weiter: "China Daily" bat Wirtschaftsanalysten, die Auswirkungen des Ölpreis-Schocks vorzurechnen. China ist ein Paradebeispiel für Entwicklungsländer, deren Exportwaren noch 1980 erst zu einem Viertel aus der verarbeitenden Industrie kamen. Ende 1990 waren es bereits mehr als 80 Prozent. China profitierte so am meisten von der Globalisierung dank des billigen Öls. Als dessen Preis vor 2000 kaum ein Fünftel von heute betrugen, kostete der Transport eines Containers von Schanghai zur US-Ostküste 3000 Dollar. Wenn es zum befürchteten Preissprung des Öls auf 200 Dollar käme, würden die Frachten nach USA 15.000 Dollar pro Container kosten. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.7.2008)