New York - Die US-Kreditkrise hat einen neuen dramatischen Höhepunkt erreicht. Mit der US-Hypotheken- und Bausparbank IndyMac ist einer der größten Immobilienfinanzierer des Landes zusammengebrochen. Nach dem Ansturm besorgter Kunden auf ihr Geld musste die US-Einlagensicherungsbehörde (FDIC) die Kontrolle über die Bank übernehmen. Den Behörden zufolge handelt es sich um den zweitgrößten Banken-Crash in der Geschichte der USA und den größten seit dem verschärften Ausbruch der Finanzmarktkrise vor einem Jahr. Die Branche rechnet mit weiteren Zusammenbrüchen. Mit nervöser Spannung werden weltweit die Reaktionen der ohnehin schwer gebeutelten Börsen am Montag erwartet.

Aus Angst um die Zahlungsfähigkeit der Bank hatten Anleger nach einem Warnschreiben des demokratischen Senators Charles Schumer in den vergangenen elf Geschäftstagen mehr als 1,3 Mrd. Dollar (821 Mio. Euro) abgehoben. Das teilte die für IndyMac zuständige Bankenaufsicht am Freitagabend (Ortszeit) mit. Dies habe das Institut mit Sitz im kalifornischen Pasadena in eine Liquiditätskrise gestürzt.

Über die Einlagensicherung sind in den USA in der Regel Guthaben bis zu 100.000 Dollar je Anleger abgedeckt. IndyMac hatte rund 19 Mrd. Dollar Einlagen. Davon könnte rund 1 Mrd. Dollar von insgesamt 10.000 Kunden den Angaben zufolge nicht abgesichert sein.

Vier bis fünf Milliarden Dollar Belastung

Die FDIC rechnet mit einer Belastung von 4 bis 8 Mrd. Dollar durch den Zusammenbruch. Damit könnten mehr als 10 Prozent des FDIC-Sicherungsfonds verbraucht sein. Nun drohen laut Experten anderen Finanzhäusern Zusatzlasten durch höhere Sicherungsbeiträge.

Im Frühjahr hatte bereits die US-Investmentbank Bear Stearns unter dem Druck der Notenbank ihrem Notverkauf zustimmen müssen. In Europa hatten im vergangenen Herbst Kunden des britischen Baufinanzierers Northern Rock wie bei IndyMac in Panik ihr Geld abgezogen. Das Institut brauchte Rettungskredite der Notenbank und wurde verstaatlicht. In Deutschland geriet die Mittelstandsbank IKB wegen der Kreditkrise in Schieflage. Ein ähnlicher Fall wie bei IndyMac drohe laut Experten in Deutschland derzeit aber nicht.

Der US-Senat billigte angesichts der Kreditkrise am Freitag einen Rettungsplan für Hunderttausende hoch verschuldeter Hausbesitzer. Er sieht staatliche Garantien für Immobilienkredite von insgesamt bis zu 300 Mrd. Dollar vor. Das Gesetzesvorhaben soll die rasant gestiegene Zahl von Zwangsvollstreckungen verringern, muss aber noch mehrere Hürden nehmen.

Käufersuche in den den kommenden drei Monaten

IndyMac soll zunächst in Form einer Nachfolgeorganisation unter Führung der FDIC weiter betrieben werden und an diesem Montag wieder öffnen. In den nächsten drei Monaten wird nach möglichen Käufern gesucht - für die gesamte Bank oder jeweils für Einzelteile.

Größter Kollaps in der US-Bankengeschichte war bisher der Crash der Continental Illinois National Bank im Jahr 1984 mit einem Bilanzvermögen von rund 40 Mrd. Dollar. IndyMac war zuletzt rund 32 Mrd. Dollar schwer.

Größter Kreditgeber

IndyMac war einer der größten Kreditgeber während des Immobilienbooms der vergangenen Jahre und vergab viele Darlehen an Kunden mit geringen Sicherheiten. In einem letzten verzweifelten Rettungsversuch hatte das Hypothekeninstitut erst vor einer Woche das Neugeschäft komplett gestoppt und rund die Hälfte seiner 7.200 Stellen gestrichen. Die Aktien von IndyMac waren angesichts hoher Verluste der Bank eingebrochen und könnten nun weitgehend wertlos werden.

In den USA mussten bereits Hunderte kleinerer Finanzierer dichtmachen oder gingen sogar pleite. Eine der größten Hypothekenfirmen des Landes, Countrywide, rettet sich in die Arme des Finanzkonzerns Bank of America. Ausgerechnet die Gründer von Countrywide hatten 1985 auch IndyMac ins Leben gerufen.

IndyMacs Schicksal löste in den USA umgehend eine heftige politische Debatte um die Schuldigen aus. Die Bankenaufsicht warf dem dem New Yorker Senator Schumer vor, der Bank mit seinen öffentlich geäußerten Zweifeln an ihrer Zahlungsfähigkeit den Todesstoß versetzt zu haben. Schumer konterte, die Aufsicht habe versagt.

Erst am Freitag hatten die ausufernden Probleme der beiden größten amerikanischen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac bei der US-Regierung die Alarmglocken schrillen lassen. Die Regierung erwägt laut US-Medien, eines oder gar beide Institute unter staatlichen Schutz zu stellen. Die Aktien der beiden Gesellschaften hatten in den vergangenen Tagen dramatische Verluste erlitten. US-Finanzminister Henry Paulson hatte am Freitag Unterstützung signalisiert: "Heute liegt unser Hauptaugenmerk darauf, Fannie Mae und Freddie Mac in ihrer derzeitigen Form zu unterstützen, weil sie eine wichtige Aufgabe erfüllen", sagte Paulson. (APA/dpa)