"Bist deppert, machst’ jetzt an Kommerzfilm?" Florian Flicker ist mit den Kabarett-Stars Josef Hader und Roland Düringer mehr geglückt: Über "Der Überfall" sprach er mit
Dominik Kamalzadeh.
Wien - Für einen Überfall benötigt man mehr als einen Grund. Man braucht etwa eine Strategie. Andreas Berger - arbeitslos, von seiner Frau verlassen und so gerne ein besserer Vater - hat bloß genug Gründe. Der Clown versucht am Faschingsdienstag die Supermarktkasse zu leeren, und sitzt schließlich im nächsten Schneiderladen mit einer Beute von 800 Schilling fest. Wenn zwei der Männer, die in dieser Ausnahmesituation aufeinander treffen, von zwei der profiliertesten heimischen Kabarettisten, von Josef Hader und Roland Düringer dargestellt werden, dann scheint Komik unausweichlich: In Florian Flickers Der Überfall sind die beiden, genauso wie Joachim Bißmeier als Schneider, jedoch keine reinen Lachnummern, sondern Männer mit klarem Profil. Und weil gemeinsame Entbehrungen Solidarität stiften, beginnt das anfängliche Täter-Opfer- Verhältnis bald zu bröckeln. Für den Regisseur und Autor Florian Flicker ist sein Film, wie er im Interview verrät, "ein Drama, ja eine Tragödie. Beim Dreh haben wir jedenfalls kaum gelacht. Die drei Figuren tun sich schwer mit dieser Welt. Und der Film funktioniert ja auch nur dann, wenn man die Szenen ernst nimmt. Die Komik entsteht erst durch die existenzielle und seelische Notsituation." In einem Film, der zum Großteil in einem Raum ausgetragen wird, stehen die Schauspieler natürlich im Mittelpunkt. Deren rührend bis rabiates, also von krassen Stimmungswechsel bestimmtes Spiel begeisterte auch die internationale Jury in Locarno, die dem Ensemble einen bronzenen Leoparden verlieh. Daheim in Österreich muss erst einmal das Klischee des Kabarettfilms beseitigt werden, bevor der Blick für das filmische Potenzial dieser Darsteller frei zu werden scheint. Flicker: "Noch vor Drehbeginn, als die Besetzung schon klar war, haben Leute gesagt: ‚Bist deppert, machst’ jetzt einen Kommerzfilm?’ Es war eine Herausforderung, zu zeigen, dass diese Schubladen ein Blödsinn sind." "Das Dramatischere jedoch", so Flicker, "ist, dass die Politik den internationalen Erfolg des heimischen Films überhaupt nicht goutiert. Entweder ist das ein Konzept: Ihr Filmemacher habt gegen die Regierung unterschrieben und jetzt bekommt Ihr kein Geld mehr. Oder es ist schlicht Dummheit. Da hat auch der ORF dazu beigetragen, der die Filme irgendwo, sonntags spät nachts, versteckt." Der Überfall ist nach dem Sci-Fi-Drama Halbe Welt und dem Road-Movie Suzie Washington Flickers dritter Film, der wieder einem neuen Genre verpflichtet ist: Überhaupt ist sein Werdegang reich an Haken. Vom Autodidakten, der mit Super-8-Filmen und Expanded Cinema-Projekten experimentierfreudig begann, zum souveränen Regisseur eines publikumsträchtigen Arthouse-Kinos: das ist im heimischen Film eine erstaunliche Entwicklung. "Da ich keine Akademie besucht habe, ist für mich jeder Film eine Art neues Semester. Der Überfall war jetzt das Semester Schauspielführung. Das war nicht einfach, weil im gleichen Set zu filmen sehr intensiv ist. Wir haben oft zwölf Stunden am Tag durch gedreht. Man ist permanent mit schwierigen, weil schauspielerintensiven Szenen beschäftigt. Das erfordert auch von der optischen Auflösung gestalterischen Minimalismus." Ganz so reduziert sind die formalen Mitteln jedoch auch hier nicht geblieben: Der Film ist in Cinemascope gedreht, was eine ganz eigene Kinetik der Körper im Raum ermöglicht. Und dann bricht er immer wieder in Tagträumen aus, die wie Found-Footage aus Zeiten wirken, in denen Männer noch echte Helden waren: Für Florian Flicker war das "auch das Spannende, diese Gratwanderung zwischen Realismus und Farce, mit kurzen Ausflüchten ins Ironische." (Das Buch zum Film erschien in der Bibliothek der Provinz.) (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 9. 2000)