Wahrscheinlich hat es 1996 in den USA begonnen. Wes Craven und Kevin Williamson realisierten damals Scream : Die Mutter aller neuen Teenage- Horror- Movies pflanzt sich seither fort. Ihr jüngster Spross, Scary Movie , ist nicht der letzte, befürchtet
Isabella Reicher
Wien - Es ist ein Schrecken ohne Ende. Alleine zwei Fortsetzungen, diverse Ablegerserien und - wenn man so will - mit The Blair Witch Project sogar noch eine intelligente Arthouse-kompatible Replik hat Scream seit seiner Veröffentlichung generiert. Ein eigenes kleines Bezugssystem ist so entstanden, das nicht mehr auf den angestammten Filmfundus der Achtzigerjahre-Klassiker angewiesen ist, sondern vor allem "intern" heftig kommuniziert. Spätestens jetzt ist das Subgenre auch endgültig als solches legitimiert, denn Scream ist bei seiner Parodie angelangt: Keenan Ivory Wayans - der sich schon anderer Gattungen auf diese Weise angenommen hat ( Don't Be A Menace To Society While Drinking Your Juice In The Hood ) - exerziert mit Scary Movie noch einmal die Geschichte vom maskierten Campus-Serienmörder durch, der sich gerne telefonisch ankündigt. Derbe Späße Nur bleibt sein Messer hier effektvoll im Silikon-Brustimplantat stecken, die Attacken werden von Marihuana-Rauchschwaden behindert, und das beschränkte darstellerische Repertoire - schreien, rennen, sterben - wird um den dramatischen Einsatz von Körperausdünstungen und ähnlich kalkulierte derbe Späße erweitert. Der Film bewegt sich quasi im Rahmen seiner kolportierten "Arbeitstitel": Last Summer I Screamed Because Halloween Fell On Friday the 13th und Scream If You Know What I Did Last Halloween . Sein größtes Manko dabei ist, dass er die in den ambivalenten Vorlagen ohnehin schon angelegte Komik bloß ein bisschen weiter treibt und ihm sonst nicht viel einfällt. Niemand hat Scream ernst genommen. Die Witze, die man früher im Saal vor der Leinwand machte, wenn es mörderisch wurde, sind ins vorgefertigte Produkt integriert. Die Wirkung der Filme zielt auf (Er-)Schrecken und nicht auf die Erzeugung von Furcht. Auf ein sozusagen Event-orientiertes Ausagieren des kleinen, angenehmen Grusels und weniger auf den andauernden Effekt einer spannungsgeladenen Atmosphäre wie weiland in Halloween (der übrigens auch schon Parodien wie Student Bodies nach sich zog). Die einzelnen Filme ( I Know What You Did Last Summer , Urban Legends etc.) - auch davon erzählt Scary Movie - sind als solche vernachlässigbar. Primär beziehen sie sich auf sich selbst, aufeinander und auf ihr Publikum. Die Geschichten und ihr Verlauf folgen dem Standardmuster einer sukzessiven Dezimierung ihres überschaubaren jugendlichen Personals. Interessant ist ihre Funktion im (Medien-)Verbund - die jugendlichen Darsteller werden beispielsweise meist unter beliebten TV-Serien-Stars rekrutiert. Oder auch das Phänomen, dass sie jene Gebrauchsweisen, jene versierte und gewohnheitsmäßige Mediennutzung, die die eigenen Konsumenten charakterisiert, selbst thematisieren. Die Bedingungen ihrer Rezeption und die Verfasstheit ihres Publikum quasi endlos reflektieren. Und dabei einerseits kaum von der Stelle kommen. In diesem Leerlauf aber unübersehbar einen erstaunlichen (kommerziellen) Mehrwert produzieren. So hat sich etwa auch die deutsche Filmproduktion mehr oder weniger erfolgreich in diesen lukrativen Zusammenhang eingeklinkt: Nach Stefan Ruzowitzkys Anatomie , der sich des Genres routiniert bediente und - vergleichsweise "konservativ" - auf klassischen Suspense als Hintergrund für die deftige Mordserie setzte, kam im Frühjahr Flashback - Mörderische Ferien (Regie: Michael Karen) ins Kino, der sich von vornherein eher trashig und derbe gab, beispielsweise die blutüberströmten Leichen und Leichenteile gerne herzeigte und somit schon erahnen ließ, dass auch dem letzten bisschen Ernst hier noch die Stunde schlagen würde. Exploitation pur Der Verwertungszyklus operiert in immer engeren Kreisläufen. Kaum ein anderes Genre ist in den letzten Jahren derart schnell ausgewuchert. Wir befinden uns auf dem Gelände des zeitgenössischen Exploitation-Films, im Blockbuster-Paralleluniversum, wo man sich nicht mit jahrelangen Vorlaufzeiten, mit Terminplänen von Megastars oder großem technischen Aufwand aufhalten muss und wo die meist geringen Produktionsbudgets hohe Gewinnspannen versprechen. Scary Movie war diesen Sommer der Überraschungserfolg an den Kinokassen und hat inzwischen nahezu das Zehnfache seiner Produktionskosten eingespielt. Eben erst hat sich mit Final Destination ein weiterer Ableger auch an die Spitze der heimischen Kinocharts katapultiert. In den USA ist Urban Legends II angelaufen, die Brüder Wayans planen für 2001 bereits Scary Movie II , und ein Ende der Geschichte ist demnach noch lange nicht abzusehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 10. 2000)