Der Mordverdächtige Herbert P. scheint in Aufzeichnungen, die Alexandra Schriefl führte, nicht auf. Auch gute Freunde des 32-jährigen Wieners wissen nichts von einer Beziehung zu der im Oktober 1988 vergewaltigten und erdrosselten 20-Jährigen aus Wien-Favoriten. Christoph Prantner berichtet. Wien - Alexandra Schriefl, 1988 in Favoriten vergewaltigt und erdrosselt, führte Tagebuch über ihre Beziehungen und Affären. Der Sonntag als mutmaßlicher Mörder der 20- Jährigen festgenommene Herbert P. scheint darin jedoch nicht als ihr Liebhaber auf. Bei Einvernahmen im Wiener Sicherheitsbüro hatte der Wiener die Tat geleugnet, jedoch angegeben, wenige Tage vor dem Mord sexuellen Kontakt zu dem späteren Opfer gehabt zu haben. Sein Sperma, das nach dem Verbrechen an der Leiche der Favoritnerin gefunden worden war, stamme von dieser Begegnung. "Jungmädchentagebuch" "Es ist richtig, dass Alexandra Schriefl Tagebuch geführt hat", bestätigte der stellvertretende Leiter des Sicherheitsbüros, Hofrat Ernst Geiger, Mittwoch im Standard-Gespräch. Bei den Aufzeichnungen des Mordopfers handle es sich zwar nicht um ein "Intimtagebuch", wie es Jack Unterweger geführt hat, sondern eher um ein "Jungmädchentagebuch". Der eine habe penibel über Zeit, Ort und Art sexueller Begegnungen Buch geführt. Bei Schriefl waren es Beschreibungen von Bekanntschaften, wie sie "20-Jährige halt so machen". Von Fahndern, die im Jahr 1988 mit den Ermittlungen in dem Fall betraut waren, ist indes zu hören: Die junge Frau sei damals "ziemlich viel unterwegs" gewesen. Und: Sie sei "eher nicht kontaktscheu" gewesen. Täterprofile Einige Psychologen versuchten nach dem Verbrechen ein Täterprofil zu erstellen. Auch das Sicherheitsbüro operierte damals mit einer internen psychologischen Tätereinschätzung. Deckungsgleichheiten zwischen den Profilen und der Persönlichkeit des nun festgenommenen Herbert P. wollte Hofrat Geiger am Mittwoch jedoch nicht bestätigen: "Dies würde schon in Richtung einer Vorverurteilung gehen." In den seit Sonntag andauernden Zeugenbefragungen der Ermittler scheint sich indes das zu bestätigen, was das Tagebuch vermuten lässt: P. hat Schriefl möglicherweise weder gekannt und schon gar keinen engeren Kontakt zu ihr gehabt. Auch einige enge Bekannte des mutmaßlichen Mörders wissen nichts von dessen angeblicher Beziehung zu der Verkäuferin. "Herbert P. hat Schriefl diesen Bekannten gegenüber nie erwähnt. Teilweise sind aber sehr gute Freunde von ihm darunter. Die meinen, wenn er mit ihr etwas gehabt hätte, würde er es ihnen erzählt haben", so ein Kriminalist. FBI: Derselbe Täter Im Fall der im Februar 1989 in der Per-Albin-Hansson- Siedlung missbrauchten und ermordeten Christina Beranek (10) laufen die Ermittlungen ebenfalls weiter. Experten des FBI hatten beide Taten analysiert und waren zu dem Schluss gekommen, dass der Mörder Schriefls vermutlich auch die Zehnjährige getötet hat. "Der Beranek-Fall liegt aber ungleich schwieriger", so ein Kriminalist. Im Gegensatz zum Tatort Schriefl wurden am Leichnam Beraneks keinerlei biologische Spuren sichergestellt. Am Mittwochnachmittag wurde Herbert P. im Wiener Landesgericht zum ersten Mal der U-Richterin vorgeführt und kurz einvernommen. Dieses erste Gespräch soll nur wenige Minuten gedauert haben. Der 32-Jährige bestritt dabei, etwas mit dem gewaltsamen Ende Alexandra Schriefls zu tun zu haben. Dennoch wurde über ihn wegen dringenden Tatverdachts die U-Haft verhängt, wie Frederick Lendl, Pressesprecher im Grauen Haus, auf Anfrage bestätigte. Die Staatsanwaltschaft hat bereits formell das Verfahren wegen Mordes eingeleitet. In den kommenden Tagen soll Herbert P. ausführlich befragt werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2000/APA)