Junge Regisseure, zwei Uraufführungen, Tanztheater: Tom Stromberg startet seine Intendanz am Hamburger Schauspielhaus effektvoll mit äußerer Jugendlichkeit. Dahinter jedoch entdeckt Oswald Demattia nur wenig Substanz. Hamburg - The show must go on! Den theatralischen Tagesbefehl, den Tom Stromberg zu Beginn seiner Intendanz am Hamburger Schauspielhaus an seine an drei Schauplätzen gleichzeitig antretenden Truppen ausgegeben hatte, nahm der französische Choreograph Jérôme Bel wörtlich, aber nicht ernst. Zur Geisterstunde ließ er vor zahlendem Publikum einen Großteil des Ensembles in Freizeitkleidung noch ein wenig auf der leeren Bühne im Halbkreis stehen, ein bisschen rhythmische Gmynastik machen, Walkman hören und Löcher in den Zuschauerraum stieren. Ein DJ legte dazu ein paar alte Platten auf. Der Spuk hieß tatsächlich The Show Must Go On , ein Titel, der eher wie eine Durchhalteparole klang. Denn da hatte man einen Reigen unseliger Geister schon hinter sich. Zur Sandmännchenzeit hatte ein Dutzend herziger Gespenster die Bühne bevölkert. An der Haltestelle.Geister , die Stromberg zur Inauguration im Großen Haus bei Helmut Krausser bestellt hat, schlagen sich Vereinsamte, Wohlstandsverwahrloste, Liebes-, Drogen-und Erlösungssüchtige die Nacht um die Ohren, besorgen sich Ecstasy-Pillen bei einem tranigen alterslosen Wood-stock-Veteranen, kommen nach und nach unterschiedlich gewaltsam zu Tode und setzen danach ihr Haltestellendasein als Untote ganz diesseitig einfach fort. Außer Sterben nichts gewesen. Und wenn das Raumschiff aus fernen Galaxien sie nicht abgeholt hat, warten sie eben auf den nächsten Bus. Jan Bosse inszeniert den galaktischen Gruselschmock sehr erdverbunden, lässt die Toten im offenen Cabrio oder in verschnürten Mülltüten vom Bühnenhimmel fallen oder von der Leiter purzeln. Geister auf irdischem Betriebsausflug. Bosse, der jüngste unter Strombergs drei Hausregisseuren, die junges Theater für ein junges Publikum machen sollen, flicht hier einen ziemlich altmodischen Zopf. Konservative Jugend Im Malersaal bemüht sich derweil Ute Rauwald vergeblich, Sarah Kanes Gier ein Herzenswärmejäckchen um die dürren Schultern zu legen. Der Versuch, dieses zu Tode betrübt, nach Leben und Liebe schreiend gierende Oratorium für vier Solostimmen aus Weh-Moll in eine heiter-hysterische Tonart zu transponieren, versandet in Katrin Nottrodts sehr stimmungsvoller weinroter Kunstheidelandschaft. So wie diese vier leeren Fragmente von Eigentlichen - eine dünnhäutige Coole, eine blonde Alberne, ein zartes Bübchen, ein viriler Zahnpastalächler - unentwegt Balzrituale repetieren und die seelischen Blößen als erotische Köder auslegen, will ihre Gier doch bloß aufs Rock hoch, Hose runter hinaus. Während Rauwald und Bosse einen Anfang suchen, der ein Aufbruch wäre, träumen ein paar Straßen weiter in einem ehemaligen Kino sieben Schauspieler den Mimentraum der Unsterblichkeit. Die Nachwelt wird ihnen keine Kränze winden, aber sie hoffen, sie könnte diesmal eine Ausnahme machen. Das ist der Quell, von dem das Theater lebt, und alle schöpfen daraus: die junge Naive, die sich ihren Prinzen herbeiträumt; die traurigen Clowns, denen der Witz abhanden kommt; der Melancholiker, dem die Liebe ein Gewand ist, das er dauernd ändern lässt, aber nie auszieht.

Viel Selbstbewusstsein

Die Unsterblichen von Ingrid Lausund, die nur ihre eigenen Stücke inszeniert, erinnern rührend komisch und ein wenig unbeholfen daran, weshalb wir ins Theater gehen: um Menschen zu sehen, die uns etwas vormachen. Dafür lieben wir sie. Reichlich selbstbewusst haben Tom Stromberg und die Seinen zum Sprung über die Latte angesetzt, die Vorgänger Frank Baumbauer sehr hoch angelegt hat. Beim ersten Versuch sind sie heftig flügelschlagend drunter durchgeschlichen. Vielleicht glauben sie wirklich, sie müssten das Stadttheater neu erfinden. Seit Monaten verkündet Stromberg, er werde das Schauspielhaus öffnen (als ob es vorher eine geschlossene Anstalt gewesen wäre). Das echte, wilde Leben der Straße ist noch nicht hineingedrungen. Fürs Erste macht sich der merkantile Charme einer Fußgängerzone breit: Das Foyer ist jetzt tagsüber ein Kaffeehaus, in der Kassenhalle verkaufen sie Zeitungen, Bier und belegte Brote. Fehlt eigentlich nur ein Maronibrater. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 10. 2000)