S. Hilpold
Baden - Manchmal stellt sich Theater selbst infrage, und das ist gut so. Schlimm, glaubt ein Musentempel treuherzig an seine Welt im Kleinen, an die allabendlich abgespulten Geschichten. Denn was ist, wenn sich "Geschichten" den ästhetischen Formen widersetzen? Wenn sich Präsentation der Re-Präsentation entzieht? Der vielgediente Theatermann Conny Hannes Meyer, der Soma Morgensterns Holocaust-Roman Die Blutsäule dramatisiert und in Baden bei Wien eindrucksvoll inszeniert hat, weiß um das Problem. Morgenstern schrieb 1948 über ostgalizische Juden, die in einer Synagoge über SS-Soldaten Gericht halten. Kitsch wäre denn das Erste, das man szenischen Versuchen, die das Unaussprechbare bebildern wollen, vorhalten müsste. Meyer aber geht in die Offensive: Er bespielt die seit der Reichskristallnacht zerstörte Badener Synagoge, einen Todes-, einen Erinnerungstempel. Eine starke Geste. Sein Zugriff: "Die Erzählung ist ein Hauptstück des Verfahrens." Man spricht, berichtet von den Gräueltaten. Man will "aussagen, nicht ausmalen" heißt es einmal, nähert sich einem Erlösungs-Tonfall, benützt Bilder nur als Symbolträger. Szenisch aber triumphiert der Formwille: Die illustre Runde an sehr guten Schauspielern - von Rainer Frieb bis Hermann Schmid - krallt sich die Worte, füllt den Raum, bis er zu bersten droht. Das könnte schiefgehen, liefe es auf eine Überwältigung der Zuseher hinaus. Durch die Form der Erzählung, durch eine vor schwarzer Komik funkelnde Puppenspielszene zwischen Hitler, Göring und Goebbels, verschafft sich Meyer aber wieder Luft. Gibt das eigene (unvermeidliche) Scheitern zu und gewinnt dadurch ungemein.

Synagoge, Baden, Grabengasse 12-14, (02236) 26 351.
Bis 15. 10. 19.00 (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 10. 2000)