Wer beim Verfassen von Liebesbriefen immer wieder scheitert, kann sich Hilfe aus dem Internet holen. Ab einem Honorar von umgerechnet rund 210 Schilling darf man sich mit fremden Federn schmücken. Schon ein paar Tage nach Erteilung eines Auftrags kommen von Ghost-Writern verfasste Liebesschwüre oder inständige Bitten um Verzeihung nach einem Zerwürfnis ins Haus und können, am besten per Hand abgeschrieben, an den Mann oder die Dame des Herzens weitergeleitet werden. Wie ein Beschützer der Sprache der Liebe fühlt sich der Schweizer Jeannot Lucchi. Vor drei Jahren stellte der 55-Jährige mit liebesbriefe.de den nach eigenen Angaben den ersten Briefservice ins Netz und war überrascht, wie viele Anfragen kamen. Inzwischen bearbeitet sein Team aus Schriftstellern und Journalisten nebenberuflich acht bis zehn Briefe pro Woche. Die Mitarbeiter machten das mehr aus Spaß am Schreiben als aus Verdienstgründen, erklärt Lucchi. Anfragen erreichen ihn aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Warum kapitulieren so viele davor, einen Liebesbrief zu schreiben? "Die sind einfach blockiert", sagt Lucchi. Vor allem im Konfliktsituationen gehe vielen die Gesprächskultur ab, vermutet der Schweizer. Die Menschen könnten eigene Fehler nicht zugeben und blieben oft hartnäckig bei ihrer Sicht der Dinge. "Ein einfaches 'Verzeih' mir, ich habe mich geirrt' kommt ihnen nicht über die Lippen", beschreibt Lucchi das Problem. Deshalb fordert er auch einiges von seinen Autoren: Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl, einen großen Vorrat an Formulierungen. Angst vor großen Worten ist nur hinderlich. Ähnlich sieht es der Urheber von liebesbrief-online.de , Ralf Hassel aus Schmalkalden bei Eisenach. Am häufigsten würden die Briefe aus einem traurigen Anlass bestellt. "Meistens steht die Partnerschaft kurz vor dem Bruch und wir sollen alles wieder hinkriegen", sagt der 22-jährige Student der Betriebswirtschaftslehre. Erst im Juni startete seine Liebesbrief-Agentur, sie hat seitdem schon rund 90 Briefe verschickt. Die Verantwortung und die schier unlösbare Aufgabe, fremde Beziehungen per Brief zu kitten, sind allerdings für einen der Agenturbetreiber ein Grund, alles hinzuschmeißen. "Ich lasse das Projekt auslaufen", sagte der 33-jährige Kölner Rosenthal, der seinen Vornamen nicht nennen wollte. Er arbeitet seit Februar 1998 als einziger Autor für www.love-letter.de . Die wenigsten der 500 Briefe, die Rosenthal für die Kunden schrieb, sind seiner Auffassung nach echte Liebesbriefe gewesen. Offenbar kommen die meisten Anfragen aus zerrütteten Beziehungen. "Das Leben diktiert, dass nur solche Anfragen kommen", meint Jeannot Lucchi. Deshalb wird das Geschäft mit den Liebesbriefen wohl auch in Zukunft florieren. "Ihr beutet die Gefühle der Kunden aus, um Geld zu machen" lautet der Vorwurf, den sich die Liebesbrief-Agenturen immer wieder von Internetsurfern anhören müssen. Dabei sind sich die Liebesbrief-Anbieter einig, dass sie nicht das große Geld machen. "Es ist die schönste Erfahrung, wenn wir hören, dass ein Liebesbrief ein Paar wieder zusammen geführt hat" - mit diesen Worten erläutert Lucchi, warum er immer noch mit Begeisterung Liebesbriefe verfasst. (APA/dpa)