Zeichnung: Oliver Schopf
Alles, was schneller ist als die zwei Beine der Menschenkinder, wird bis heute daran gemessen, ob es ein Pferd ist. Natürlich kann man auch vor einem Jaguar Ehrfurcht und vor einem umzirkelten Stern Respekt haben. Aber eine so herzenswarme Verehrung, eine so wunderliche Minne, dazu muss man einer der Abermillionen Ferraristi sein, die sich am heimatlichen Essplatz nicht das Bild der Mutter an die Wand hängen, sondern das des springenden Pferds, bei dessen Anblick sie ins Schwärmen geraten, wie betulichere Zeitgenossen sonst nur während heftiger Anfälle von Midlife-Crisis. "Mythos Ferrari", sagen sie dann, als könne dieses Wort allein schon den ganzen komplexen Gemütszustand erklären. Und jetzt haben sie auch noch angefangen, den Michael Schumacher zu lieben! Hengst! Die Vorsicht ist die Mutter der Mythenforschung, aber die wird beim Erklingen des an Verdi gemahnenden Namens Ferrari - Ferrraaari! - gewohnheitsmäßig auf den Rücksitz verbannt. Das mag damit zusammenhängen, dass das stets eine strikt patriarchalische Sache gewesen ist. Vom Firmengründer angefangen über den Umstand, dass das Codewort Ferrari vom Vater auf den Sohn, nie an die Tochter vererbt wird, bis hin zur Tatsache, dass das Logo des Mythos selbstverständlich keine Stute sein kann. Es ist die Erbschaft des Kriegers. Der Weltkrieg-I-Flieger Francesco Baracca, so erzählt man in Maranello und Umgebung, habe es sich auf seine Maschine pinseln lassen, mit der er von den Österreichern 1918 abgeschossen wurde. Von den Eltern des Helden habe sich Enzo Ferrari die Rechte erbeten und den gelben Hintergrund aus dem Stadtwappen von Modena, seinem Geburtsort, hinzugefügt. So kam das Pferd auf den Alfa Romeo, den Enzo Ferrari konstruierte und pilotierte. Am Anfang war das Motorrad 1931 hörte er mit dem aktiven Autofahren auf, gründete die "Scuderia Ferrari", die sich erst einmal dem Bau von Motorrad-Motoren widmete. Erst 1947 zog Ferrari in die Autodrome. Der Motor war ein 1500-Kubikzentimeter-Zwölfzylinder. Dividiert man beides, erhält man die Zahl 125, und das war auch der Name des ersten roten Boliden, auch das schon ein Teil dessen, was die Ferraristi Mythos nennen. Ein paar weitere kamen hinzu: acht Weltmeistertitel zum Beispiel, zwei davon durch Niki Lauda (1975, 1979), der Südafrikaner Jody Scheckter war der letzte, im Jahr 1979. Und seither deutete alles, was profane Augen wahrzunehmen vermögen, darauf hin, dass Ferrari ein ganz normaler Autorennstall wird. Bis 1988 musste der alte Commendatore das noch miterleben. Jetzt hat gerade der nüchterne Michael Schumacher bewiesen, dass profane Augen nicht alles sehen können. Zum Beispiel nicht die mythische Kraft eines springenden schwarzen Pferdes. (Wolfgang Weisgram) (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.10. 2000)