New York/Wien - "Das ist eine aufregende und ganz unglaubliche Auszeichnung - nicht nur für mich, sondern auch für das ganze Feld, in dem ich gearbeitet habe." - Das erklärte der aus Österreich stammende Nobelpreisträger für Medizin oder Physiologie, Eric R. Kandel (70). Er verdanke Wien und Österreich natürlich seine Interessen, z.B. für Musik, habe aber trotzdem "gemischte Gefühle". Nazi-Opfer "Österreich ist nicht so offen mit seiner Geschichte umgegangen. Deutschland war da ehrlicher, aber Österreich macht Fortschritte", sagte der Wissenschafter, der 1939 mit seinem Bruder aus Wien fliehen musste. Seine Eltern entkamen nur knapp dem Nazi-Regime. In der Wohnung des Forschers läuteten am Montag pausenlos die Telefone. Kandel: "Man hat mich um 5.15 Uhr früh (Ortszeit New York) angerufen und mich über den Nobelpreis informiert. Ich hatte noch geschlafen." So charakterisierte der Nobelpreisträger seine Arbeiten: "Wenn ich meine Forschungen zusammenfasse, dann ist es das: Ich habe untersucht, wie im Rahmen von Lernvorgängen die Signalübermittlung funktioniert und wie sich im Gehirn organisch etwas ändert, wenn ein Gedächtnis entsteht." Ursprünglich sei er ja über die Psychiatrie in Richtung Neurophysiologie gelangt. "Ich wollte Psychiater und Psychoanalytiker werden. Das hat mir sehr gefallen. Dann bin ich für drei Jahre an die nationalen US-Gesundheitsinstitute gegangen und habe dort die organischen Abläufe im Gehirn studiert." Dies hätte ihn schließlich auf sein Spezialgebiet gebracht. Erinnerungen an Wien Kandel hat lebhafte Erinnerungen an Wien. "Mein Vater hatte in Währing am Kutschkermarkt ein Spielzeuggeschäft. Ich bin mit meinem Bruder im Jahr 1939, also ein Jahr nach dem 'Anschluss', über Belgien und die Niederlande nach Amerika gekommen. Unsere Eltern konnten erst im Herbst 1939 flüchten. Das war gerade noch zur rechten Zeit." Sein gegenwärtiges Verhältnis zu seinem Geburtsland bewertete Kandel so: "Ich verdanke Wien natürlich viele meiner Interessen, darunter auch jenes für die Musik. Aber ich habe auch gemischte Gefühle, was die Geschichte angeht. Meine Eltern und wir hatten es damals nicht sehr leicht. Österreich ist nicht so offen mit seiner Geschichte umgegangen. Deutschland war da ehrlicher, aber Österreich macht Fortschritte." (APA)