Der Hang des Alten, seine Zeitung immer häufiger als Bühne zu benutzen, auf der er sich mit allen möglichen Größen der Zeit zeigen kann, als wäre er auch eine, wird immer stärker. Nur zwei Beispiele. Neulich musste seine Tochter mit einer roten Rose in der Hand adorierend vor dem im Rollstuhl sitzenden Max Weiler knien, der eben einer Ehrung teilhaftig geworden war, flankiert vom Papa, der die Szene wohlwollend beobachtete. Da wusste er schon, wie die Leserschaft der "Kronen Zeitung" von der Bedeutung der Familie Dichand für die zeitgenössische Malerei zu informieren wäre: Das Foto der Szene kam in der Rubrik Adabei. Max Weiler allein durfte - fast ohne Dichand-Dekoration - auf das Titelblatt. Nur die Rose im Namen der Dichands hielt er in der Hand. Große Mäzene wissen eben, wann sie bescheiden zurückzutreten haben.

Übrigens: Die Requisite kam einige Zeit später bei einem ungleich wichtigeren Anlass neuerlich zum Einsatz. Da fand sich auf dem Cover unter dem Titel Yazzoo sagt Dankeschön "pro Hund"! das Porträt eines Golden-Retriever-Rüden. Und was hatte er im Maul? Wieder diese rote Rose.

Am Freitag war es neuerlich so weit. Geehrt wurde diesmal der Zelluloid-Dino Eric Pleskow. Adabei durfte von einer Überreichung im Sonntagsblatt berichten: die "Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold", die ihm Kulturstadtrat Peter Marboe stolz im "Roten Salon" des Rathauses überreichte. Das beigefügte Foto erzählte freilich anderes. Da war vom stolzen Marboe keine Spur. Aber Hans Dichand, der darauf - im Namen der Stadt Wien? - die Medaille überreichte, schien auch nicht frei von Stolz. Vielleicht dachte er gerade an den Sissy-Film, für den er das Drehbuch geschrieben hat und der demnächst in Hollywood produziert werden soll. Ist doch schön, wenn ein Zeitungs-Dino nach Höherem strebt.

Und noch schöner, wenn der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Der unter dem Kürzel m. d. gelegentlich in der bunten Sonntagsbeilage werkende Spross ist der fleischgewordene Beweis dafür, dass Stil genetisch vererbt werden kann. (Gutmenschen sehen dem Tag mit Grauen entgegen, an dem das Dichand-Stilgen isoliert und journalistischen Versuchskaninchen eingepflanzt werden kann. In dem für sie typischen Hang zu Übertreibungen sprechen sie von einer akuten Gefährdung der lesenden Menschheit.)

So verwöhnte er neulich die Leserschaft mit seinen Beobachtungen bei den Olympischen Spielen. Stemmerinnen strahlen keinen Sex aus. Unter den paar Zuschauern hört man die Frage, wie eine derartige Person jemals zu einem Mann kommen könnte? Da m. d. in Sydney offenbar dabei war und geleitet von einem subtilen Interesse am femininen Stemmsport, konnte er die Bedenken unter den paar Zuschauern, aber auch die der "Krone"-Leser in Wien, auf der Stelle ausräumen. Aber diese schweren Mädchen wollen dennoch ein wenig Anziehungskraft auf das männliche Geschlecht entwickeln. Sie schmücken ihre Unförmigkeit mit Blumen im Haar, machen sich komplizierte Zöpfchen und lassen ihre Brustspitzen durch das Trikot wirken. Wenn er groß ist, wird er vom Papa die Textierung der Nacktfotos auf Seite 5 übernehmen - so reifen große Unternehmerpersönlichkeiten heran.

Aber nicht nur Sport und Malerei werden gepflegt, auch die Literatur kommt nicht ungeschoren davon. So darf Günther Nenning allwöchentlich unter dem Arbeitstitel Krone der Dichtung Schriftsteller so lange auf Kleinformat bringen, bis sie "Krone"-kompatibel sind. Das heißt, sie sollen - Leser-Blatt-Bindung! - von den Leuten nicht gemocht werden, die die "Krone" nicht mag. In diesem Sinne hieß es am Wochenende über Alois Brandstetter: Brandstetter ist ein Labsal. Er gewann rasch eine große Leserschar und drang bis in die Schulen. Aber erst von Nenning erfahren wir, warum. Zu den Schreibern von "Antiheimatromanen", die eine Zeit lang beliebt waren unter Fortschrittlern, gehört er freilich nicht . . . Er verspottet die Fortschrittler, die politisch korrekt stecken bleiben in Kritik an der "Heimat" . . . Dementsprechend ungeliebt ist Brandstetter bei den postmodernen Postkritikern. Ihm fehlt die Säure. Was er schreibt, ist gut verdaulich. Solch billigen Lorbeer hat sich Alois Brandstetter nicht verdient.

Eine Woche vorher wusste Nenning von Dorothea Zeemann, der langjährigen Gefährtin Heimito von Doderers: Gerade für den eingefleischten Doderer-Fan ist Frau Zeemann ein literarischer Erholungsurlaub. Vor allem für ihn, denn ihre Männerporträts haben ihre Besonderheit gerade darin, dass Zeemann überhaupt keine Feministin ist.

Diese Erleichterung! Früher war Günther Nenning ja auch einmal eine Feministin: als man mit solch fortschrittlicher Agitation junge Damen noch dazu bewegen konnte, sich hüllenlos mit einem fotografieren zu lassen, beispielsweise. Aber wer in der "Krone" schreiben darf, muss den Feminismus durchschaut und zurückgelassen haben. Daher Nenning heute: Das Problem der Feministinnen ist der Hass. Richtig sehen sie, was die Männer für lausige Kerle sind. Aber ihr Hass macht aus den Männern zugleich mythische Figuren des absolut Bösen. Na, na. Was immer Nenning für ein Kerl ist - zur mythischen Figur des absolut Bösen hat er es nicht einmal in seiner Rolle als Auhirsch gebracht. Und als "Krone"-Kolumnist wird ihm das auch nicht mehr gelingen. Günter Traxler