Jedes Wort, das man zum Lobe dieser Autorin ausspricht, hat die Gegenfrage zur Folge, ob diese Form des Lobes auch zuträfe. Das Werk der Marianne Fritz zwingt in einem fort, unsere Kriterien zu überprüfen, und es wird zu einer Herausforderung für die Kritik oder besser: Es sollte zu einer Herausforderung werden, denn die Kritik hat diese noch nicht angenommen, teils aus Bequemlichkeit, teils aus Unverstand. Wer das Schreiben der Marianne Fritz in den letzten zwanzig Jahren verfolgt hat, muss dessen gewaltige Veränderung wahrnehmen. Wenn wir von ihren früheren Texten schwärmen, so ist sie mit ihren Praktiken des Schreibens und Erfindens schon längst anderswo, und das innerhalb eines vorgegebenen Stoffkomplexes. Es begann 1978 mit der kurzen Erzählung Schwerkraft der Verhältnisse, es folgte 1980 Das Kind der Gewalt und die Sterne der Romani. Und Dessen Sprache du nicht verstehst erschien 1985/86, ein gewaltiger Wurf in drei Bänden; im erzählerischen Zentrum steht die Geschichte der Familie Null, einer Proletarierfamilie, deren katastrophales Schicksal Folge jener unmenschlichen Zustände in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg in Österreich war, die von der Nachwelt mit Euphemismen wie dem der "fröhlichen Apokalypse" zugedeckt wurde. Marianne Fritz hingegen macht bewusst, wie der Riss, der, nach einem Wort Musils, Denken und Welt so zerriss, dass sie bis heute nicht geflickt werden konnten, als das entscheidende Ereignis dieses Jahrhunderts gelten muss. Sie hat mit diesem Roman die österreichische Geschichte und die Kriegsgeschichte als eine Herausforderung verstanden - doch kommt dabei alles andere als ein historischer Roman heraus, und obwohl sich die Autorin mit einer Intensität, welche die der professionellen Historiker hinter sich zu lassen scheint, den Dokumenten widmet, so ist das Buch doch alles andere denn eine Dokumentation: "Formularlebenslauf-Sicht, mein Gebiet ist's nicht" - vielmehr geht es darum, der Literatur den Platz dort anzuweisen, wo die Dokumente auslassen. Wenn irgendwo in der Literatur, so wurde hier der Habsburgische Mythos liquidiert. In den beiden folgenden Romanteilen Naturgemäß I (1996) und Naturgemäß II (1998) wird die Geschichte um die Festung weiter fortgesponnen, allerdings nicht linear, sondern mit Rückblenden und Vorausgriffen; wichtig für die chronikalische Achse - und Marianne Fritz liebt offenkundig konkrete Daten - ist die Zeit 1914/1915. Das alles bleibt deutlich erkennbar, doch - um die Fülle des Materials und der Komplexität der Ereignisse zu bewältigen - werden neue Sprachfiguren eingeführt und der Text grafisch differenziert angelegt, ein Verfahren, das den Verlag mit gutem Grund zur Faksimilierung des Original-Typoskripts veranlasst hat, um der Polyphonie dieses Textes auch gerecht zu werden. Wie alle großen AutorInnen dieses Jahrhunderts weiß Marianne Fritz, wie wichtig es ist, in Texten Fiktion und Realität in ein Umspringbild zu bannen. So unverkennbar diese Texte mit ihren vielen Individualgeschichten auch das Weltgeschehen berühren, ihnen ist jedes Pathos, das sich sonst um historische Prosa legt, fremd. Sich auf die Prosa der Marianne Fritz einzulassen bedeutet auch, sich auf die Geschichte, und nicht nur auf die österreichische Geschichte, einzulassen, es bedeutet auch, jenseits simpel angenommener Kausalitäten zu erkennen, wie es zu diesem Status quo gekommen ist und wo in diesem die Gefahr verborgen ist, ehe das Rettende wächst. Zehn Jahre mit Fritz Wer sich dem Sog der Texte überlässt, der spürt von jenen Schwierigkeiten wenig, die ihm besorgte Kritiker oder beunruhigte Pädagogen einreden. Und es wäre an der Zeit, nicht zu betonen, wie umfänglich, sondern wie umgänglich Marianne Fritz' Texte sind. Sie hat ihre eigene, unverwechselbare Sprache gefunden, vor allem, um den vielen Schichten, die sie ansprechen möchte, auch von der Sprache, diesem oft so spröden und nicht selten unzuverlässigen Mittel, ihrer epischen Materie gerecht zu werden. In einem Lesekreis, der von der Alten Schmiede in Wien eingerichtet wird, soll dieses Werk Gegenstand einer kontinuierlichen Diskussion werden. Zugleich versucht der Verfasser dieser Zeilen auf akademischem Boden eine dauernde Auseinandersetzung mit diesem Werk in einem Seminar unter dem Titel "Schwere Literatur"; dies alles soll dem Vorurteil entgegenwirken, dass es sich um Werke handle, die man nicht verstehen kann. Dass sich dies nicht in einem Semester durchführen lässt, ist klar. Daher soll das Seminar mindestens bis zu meinem Ausscheiden aus dem Lehrkörper in etwa zehn Jahren angeboten werden. Heute Abend beginnt in der Alten Schmiede die Auseinandersetzung mit Marianne Fritz: 18.00 Videodokumentation. Ab 19.45 berichten Wendelin Schmidt-Dengler und Klaus Kastberger über Seminar und Lesekreis. Am 18. 10. um 18.00 in der Alten Schmiede findet das erste Treffen des Lesekreises statt. (Wendelin Schmidt-Dengler) Wendelin Schmidt-Dengler ist Professor für Germanistik an der Universität Wien und Leiter des Österreichischen Literaturarchivs. (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 10.10. 2000)