Stockholm - In Stockholm gab heute die Königlich-Schwedische Akademie den Namen des diesjährigen Nobelpreisträgers für Literatur bekannt. Und es war keiner der in den Vorschauen Favorisierten: Er ging an den chinesischen Exil-Autor Gao Xingjian. In der Begründung heißt es, der Autor habe "ein Werk von universaler Gültigkeit, bitterer Einsicht und sprachlichem Sinnreichtum" geschaffen und der chinesischen Romankunst und Dramatik damit neue Wege eröffnet. Eines seiner bekanntesten Werke ist der Roman "Der Berg der Seele". "Ich bin überrascht", war die erste Reaktion Gao Xingjians darauf, dass ihm der Nobelpreis zuerkannt wurde, obwohl er nicht zu den Favoriten gezählt habe. Er habe von nichts gewusst: "Vielleicht war das besser so", scherzte er. Gao kam 1988 als politischer Flüchtling nach Frankreich kam und lebt heute als französischer Staatsbürger im Pariser Vorort Bagnolet. Pionier Weitgespannt tätig als Schriftsteller, Übersetzer, Regisseur und Künstler gilt er als Wegbereiter einer neuen chinesischen Literatur. In den 80er Jahren wandte er experimentelle Strategien des westlichen Theaters (Artaud, Brecht, Beckett) kritisch auf die chinesische Gesellschaft an und löste in seiner Heimat eine erbitterte politische Kampagne gegen ästhetischen Modernismus aus. Mit Übersetzungen trug er außerdem dazu bei, die französische Literatur in China bekannt zu machen. Der Durchbruch Am 4. Jänner 1940 als Sohn eines Bankangestellten und einer Schauspielerin in Ganzhou (Provinz Jiangxi) geboren, weckte seine Mutter schon früh Gaos Interesse für das Theater und die Literatur. Nach seinem Französisch-Studium am Pekinger Fremdspracheninstitut wurde Gao, wie die meisten chinesischen Intellektuellen, zu Beginn der Kulturrevolution 1966 zur Umerziehung in ein Lager geschickt; eine Reihe seiner Manuskripte musste er verbrennen. Er arbeitete zunächst als Landarbeiter und Dorfschullehrer, später als Journalist und Übersetzer. Erste Auslandsreisen führten ihn nach dem Ende der Kulturrevolution 1978/79 nach Frankreich und Italien; seine Novellen, Essays und Dramen konnte er mit Beginn der achtziger Jahre erstmals in China veröffentlichen. Den Durchbruch brachte ihm das absurde Stück "Die Busstation" (1983), das im Pekinger Volkskunsttheater aufgeführt wurde. Die deutschsprachige Erstaufführung dieses Stücks fand 1990 in Wien von der Gruppe W.U.T. (Wiener Unterhaltungstheater) statt. Während einer Kampagne gegen "geistige Verunreinigung" bezeichnete ein hoher Parteifunktionär das Stück als das Schädlichste, das seit der Errichtung der Volksrepublik geschrieben worden sei. Seit dem Verbot von Gaos Drama "Das andere Ufer" 1986 wurde keines seiner Stücke mehr in China aufgeführt. Flucht aus China 1987 verließ Gao seine Heimat und ließ sich als politischer Flüchtling in Paris nieder. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens trat er 1989 aus der Kommunistischen Partei aus. In dem düsteren Symboldrama "Die Flucht" verarbeitete er das blutige Ende der chinesischen Demokratiebewegung und wurde vom kommunistischen Regime zur "unerwünschten Person" erklärt. Seine Schriften wurden endgültig verboten. Zahlen und Fakten Die begehrte Auszeichnung ist heuer mit neun Millionen schwedischen Kronen ( umgerechnet 14,5 Mill. Schilling) dotiert und wird traditionsgemäß am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel überreicht. Im Vorjahr hatte der deutsche Schriftsteller Günter Grass den Nobelpreis erhalten. In den Jahren zuvor wurden der Portugiese Jose Saramago, der Italiener Dario Fo und die Polin Wislawa Szymborska ausgezeichnet. Als einziger gebürtiger Österreicher erhielt 1981 Elias Canetti den Literatur-Nobelpreis. (APA)