"In seiner Funktion als musikalischer Betreuer, Seelenmasseur und Rock-and-Roll-Nachschlagewerk auf Beinen ist der Trainer seit zehn Jahren bei jedem Konzert mit dabei und nimmt seinen Job dermaßen ernst, daß ihn in der Chefpartie längst niemand mehr mit seinem Namen anredet. Der Trainer ist der Trainer. Und wenn Sie mich jetzt auf die Schnelle fragen, wie er wirklich heißt, ich müßte ganz lang nachdenken und dann wahrscheinlich passen. Ich glaube ja außerdem, wenn er von einer Tournee heimkommt, bringen ihn Frau und Kinder erst wieder auf die Idee, daß er nicht Trainer heißt und auch einen Vornamen hat. Irgendwas aus dem Nibelungenlied. Nicht gerade Siegfried, aber fast so schlimm."
Günter Brödl - Kurt Ostbahn: Blutrausch
Mit so was rechnet einfach niemand. Ich jedenfalls nicht. Man stellt sich nie vor, dass man eines Tages telefonisch geweckt wird und erfährt, dass einer der allerbesten Freunde, die man je im Leben hatte, vor ein paar Stunden gestorben ist - ohne langes schweres Leiden, ohne jede Ankündigung, ganz einfach so. "Mir ist so schlecht", hat er noch gesagt, und dann ist er umgefallen. Wenn man im Wirtshaus blöd redet, sagt man gern und leichthin, dass man sich einen schnellen Tod wünscht. Aber nicht mit 45 Jahren - das hat sicher auch Günter Brödl nie gewollt. Als ich den Günter kennen gelernt habe, vor 14 oder 15 Jahren beim WIENER, war er bereits eine Legende für mich. Schließlich war er der Mann, der mir via Musicbox mit seinem umfassenden Wissen über Geschichte und Gegenwart der Gitarrenmusik beigebracht hatte, dass es auch ein Leben jenseits der Hitparaden gibt. Er hatte schon einige Bücher geschrieben (u. a. Click Clack , tempo city ) und ein Theaterstück, in dem auch zum ersten Mal die Figur des Ostbahn-Kurti auftauchte. Und trotzdem sah er beneidenswert jung aus . . . War ja auch kein Wunder: Günter hatte schon während seiner Mittelschulzeit begonnen, nebenbei beim Radio zu arbeiten - und natürlich zu schreiben wie ein Wilder. Als wir anfingen, gemeinsam Musikkolumnen für den Zeitgeist zu verfassen, durfte ich bei Bier, Bourbon und Südstaaten-Boogie miterleben, wie seine Ideen sprudelten. In den Jahren darauf sprudelten sie vor allem für Kurt Ostbahn, seine größte Erfindung, die als musikalisch-literarische Kunstfigur einzigartig im deutschen Sprachraum ist. Günter ersann Lebensgeschichte und Diskographie dieses wohl bedeutendsten Vertreters des Favorit'n'Blues, riss sich die Texte für alle Ostbahn-Platten aus dem Herzen, verewigte seinen Helden in einer erfolgreichen Krimireihe, übersetzte als Dr. Ostbahn zwei Asterix-Bände usw. usf. Exil in Teneriffa Zwischendurch ließ er sich vom Finanzamt ins Exil nach Teneriffa treiben, konnte - wie jeder echte Poet - überhaupt nicht mit Geld umgehen und hatte nur den einen Fehler, dass er einfach nie "Nein" sagen konnte. Bis zum Schluss nicht. Leider. Der Trainer ist weggegangen. Und er lässt uns alle ziemlich ratlos zurück . . . "Günter Brödl, geb. 1955 in Wien, lebte als Schriftsteller ebendort und auf Teneriffa, bis er von seiner sechsten Forschungsreise in die Rehpublik nicht mehr zurückkehrte. Nach Übermittlung dieses Manuskripts verliert sich seine Spur in den Wäldern um Rehkitzhausen" . Günters visionäre Kurzbio für sein letztes Buch Rehpublik Österreich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. 10. 2000)