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Klosterneuburg - Der Mann, der die Bilder in Ordnung bringt Georg Baselitz zeigt in der Sammlung Essl in Klosterneuburg Arbeiten aus den Jahren 1996 bis 2000. Er erinnert sich an seine Jugendjahre und macht aus der Propaganda-Kunst der Sowjetunion brauchbare Bilder. Markus Mittringer traf den deutschen Maler. Klosterneuburg - Man hat seine deutschen Helden missverstanden. Seine Methode, die Motive auf den Kopf zu stellen, hat für einiges Aufsehen gesorgt. Man hat ihn fälschlich dem expressiven Lager zugeordnet. Längst arriviert, bleibt er dabei, ständig die Methoden zu wechseln. STANDARD: Sie haben sich in Klosterneuburg gegen eine Retrospektive, zugunsten aktueller Arbeiten entschieden. Baselitz: Mein Interesse war, das ist legitim, das will jeder Künstler, frische Arbeiten zu zeigen, zu überprüfen, wie die aufgenommen werden. Weil meine Arbeit ja wesentlich daran zu erkennen ist, dass ich ständig die Methoden ändere. Es ist für die Leute schwierig nachzuvollziehen, das mit seriöser Arbeit zu begründen. Aber ich bin ja kein Filou, der einfach herumrennt, kein Kind, das ständig die Spielzeuge wechselt. STANDARD: Welcher inhaltliche Bogen spannt sich über diese Arbeiten? Baselitz: Die sind einfach biografisch. Diesmal die Anfänge: Meine Eltern, meine Geschwister, ich selber. Und dann geht es weiter zu den Bildern aus dem Sozialistischen Realismus, zu Liebesbildern und Hundebildern. STANDARD: Sie befreien sich von Ihren Erinnerungen? Baselitz: Nein, therapeutisch ist das nicht. Die sind ja auch nicht lästig. Wenn man älter wird, kommt man unentwegt in so eine Sentimentalität hinein. Und Maler haben einfach das Glück, daraus noch etwas Brauchbares machen zu können. Die Erinnerungen sind die Motivation zum Bildermachen. Ich hege da keine Visionen und auch keine Hoffnungen auf irgendetwas. Da ist die Vergangenheit. Und die ist eben so und so, angenehm und unangenehm. Diese Russenbilder sind unangenehme Bilder. Nicht vom Inhalt, sondern von der Wirkung her. Und ich habe einfach versucht, diese Wirkung zu verändern. Das ist mir sicherlich gelungen. Das ist auch gar nicht so schwer. Ich wollte sie nicht in ein schlechtes Licht bringen. Ich wollte sie auf eine andere Weise mir zugehörig machen. STANDARD: Warum haben Sie sich dafür des Mediums Aquarell bedient? Baselitz: Man kennt mich als Maler schwerer Bilder. Ich habe jahrzehntelang Bilder gemauert: Schicht auf Schicht. Das war zum größten Teil Unvermögen. Ich wollte schneller Bilder malen können. Aber das habe ich einfach nicht zu Wege gebracht. Und jetzt ist es mir endlich gelungen, innerhalb einer Stunde Bilder zu malen! Die müssen dann leicht sein. Eben mit der Methode Aquarell. STANDARD: Nach Vorbildern? Baselitz: Ich mache ja nichts außerhalb der bestehenden Malerei. Meine Bilder kommen von Bildern: Von neuen, von alten, auch von schlechten, grotesken Bildern. STANDARD: Wann ist ein Bild schlecht? Baselitz: Viele Arbeiten des Sozialistischen Realismus sind einfach schlecht gemalt. Die habe ich mir vorgenommen und manipuliert. Nicht, indem ich die Sache anders erklärt hätte. Ich habe sie nicht neu interpretiert. Ich habe brauchbare Bilder daraus gemacht. STANDARD: Es gibt von Ihnen den Satz, wonach Bilder Bilder aufessen. Die schlechten die guten oder umgekehrt? Baselitz: Maler leben von Landschaftsbildern, nicht von Landschaften. Sie leben auch nicht von gutem Essen, sondern von gemalten Stillleben. Das meint mein Satz. Man kann eigentlich nichts nehmen, was es nicht schon gibt. Meistens nimmt man dann die schon existierende Kunst. Das ist Stoff zum Weitermachen. Das ist der Prozess, das Denken. Das Malen ist ja das Denken. STANDARD: Ihre Arbeit ist oft skandalisiert worden. Hat Sie das gestört? Baselitz: Wahnsinnig. Es ist eklig, wenn Sie etwas machen und davon überzeugt sind, dass es wichtig ist, und dann es wird öffentlich miesgemacht. Absichtlich Missverstanden. Aber es gibt eben gesellschaftliche Vorlieben. Und denen kann man als Künstler nicht entsprechen. Es wird ja verlangt, Modelle abzuliefern, die nicht vorkommen. Die die Gesellschaft aufregen. STANDARD: Ist es nicht auch mühsam, permanent diese Rolle zu erfüllen? Baselitz: Mir fällt nichts anderes ein. Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie jetzt. Außer zu arbeiten spiele ich bloß Karten, lege Patiencen. STANDARD: Auf manchen Bildern spielen Leerstellen, die offensichtlich von abgestellten Farbdosen herrühren, eine Rolle. Welche? Baselitz: Sie malen etwas ziemlich perfekt. Und dann ist da ein Webfehler in der Mitte. Das rückt etwas aus der Mitte, das bringt Lebendigkeit. Denken Sie an die Schallplatte, da war in der Mitte der Musik auch immer ein Loch. Die Musik spielt um ein Loch. Die Malerei spielt um ein Loch. So ist das. STANDARD: Und wie fand die Erotik in Ihre Bilder? Baselitz: Das hat was mit dem Alter zu tun. Es wird nahezu erwartet, dass man ab einem bestimmten Alter beginnt, erotische Dinge zu malen. Ich bevorzuge dabei die leichte, die heimliche Methode. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.10.2000