Wien - Sie sind die Wappentiere der Stunde: Eugène Ionescos Nashörner, die Michael Schilhan am Wiener Volkstheater die gesellschaftliche Ordnung niedertrampeln lässt - in einem bis dato ehrenvoll verstaubten Klassiker des absurden Theaters, der durch die politische Umwälzung der Republik unversehens aktuell aufgeladen wird. Und in der Paraderolle des Behringer kehrt Kabarett-Star Andreas Vitásek an das Volkstheater zurück. Fast wäre es daran gescheitert, dass die Anfrage Emmy Werners relativ kurzfristig kam, erzählt Andreas Vitásek, was ihn in schwere Termin-turbulenzen versetzte. Zuerst wollte er ablehnen; dann aber brachte er sich "zur Vernunft". Schließlich handelt es sich um das, "wovon man träumt: um eine legendäre Rolle". Vitásek verschob also alle noch nicht fixierten Termine, was auch vonseiten der Veranstalter unter dem Übertitel: "Jööö, er macht wieder Kunst!" eher belustigt in Kauf genommen wurde. Die Nashörner mauserten sich zu einem Welterfolg, weil Ionesco eine luzide Parabel über Massenwahn erzählt: Es wird regelrecht zum Gesellschaftszwang, sich in ein bösartiges Nashorn zu verwandeln. Der einzige, der aufbegehrt, ist Behringer, der "Clown" des Widerstands. Ein Stück der Stunde in Österreich, aber nicht, weil der Faschismus drohe: "Es geht um den Sog der Macht", so Vitásek trocken, und um die Ansteckungsgefahr des Opportunismus. Momentan finde hierorts eine unsichtbare Nashorn-Epidemie statt. Vor allem nachdem die zunächst von der EU gebrandmarkte "Ehe" zwischen ÖVP und FPÖ nun durch den Weisenbericht legalisiert wurde. Für viele werden damit schwierige Fragen der Karriereplanung akut. "Spätestens jetzt", fasst Vitásek zusammen, "wird allen, die diese Regierung nicht gewollt haben, klar, dass sie bei der schwachen Opposition mit mindestens zwei Legislaturperioden rechnen müssen! Das sind acht Jahre. Daraus folgert unweigerlich: Werde ich nun auch ein Nashorn oder nicht?" Erste Intervention Diese Frage hat Andreas Vitásek bereits einmal zu beantworten versucht, als er den Kärntner Wahlerfolg Jörg Haiders mit einer Absage eines Auftritts in Velden beantwortete. Dafür wurde er gewaltig unter Beschuss genommen von Mölzer, Staberl und Konsorten, was zu erwarten war. Aber er geriet auch unter "friendly fire", wurde belehrt, dass man als Künstler nicht das Feld räumen dürfe. "Es war eine schnelle Reaktion", sagt Vitásek heute, "sympathisch, aber taktisch nicht so klug. Als Künstler hat man zwar die Verpflichtung, aus der Hofnarrenrolle auch einmal auszusteigen. Aber heute würde ich das nicht mehr so anlegen. Meine Aufgabe ist es, auf der Bühne dagegen anzugehen." Und da präsentiert sich Andreas Vitásek nach wie vor als Chamäleon, als Kabarettist, Regisseur und Filmschauspieler, der in Schwabenitzky-Seitensprung-Komödien auch manchmal unter Niveau zu blödeln beliebt. In der Hauptsache aber definiert sich Vitásek künstlerisch über seine Aktivitäten auf der Bühne, und da entdeckt er momentan verblüffende Parellelen zu Behringer. "Auch ich versuche, mich abzugrenzen und das persönliche Glück zu finden mit Frau und Kind. Das probiert der Behringer inmitten des Massenwahns aus, mit seiner Daisy, die sagt, man habe die Pflicht, glücklich zu sein. Fenster zu! Funktioniert aber nicht. Auch ich spüre die Versuchung des Rückzugs ins Private, und es wäre eigentlich alles ganz toll. Wenn da draußen nicht die Nashörner herumrennen würden!" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.10.2000, von Lothar Lohs)