Die Sänger sangen, die Kameraden blickten ernst bis würdig, die Kapellen spielten. So notierte es am Dienstag der gute Chronist in Klagenfurt und beschrieb mit der Genauigkeit des Wissenden die Choreographie der Kärntner Feiern zur Volksabstimmung am 10. Oktober 1920. Seit vielen Jahren ist sie gleich und wird daher ohne irritierende Zwischentöne oder sonstige den Zweifel am eigenen Sein nährende Gesten in militärischer Präzision abgespult. So klappte auch diesmal die Selbstinszenierung des südlichsten Bundeslandes, an der die Spitzen der Republik vom Bundespräsidenten abwärts teilgenommen haben. Doch trotz aller Präzision im Feiern des Vergangenen mischten sich in die aus Klagenfurt übermittelten Bilder Andeutungen zur Gegenwart der Republik, die geeignet sind, die Feststimmung zu trüben. Zu offenkundig ist an ihnen ablesbar, dass es um die Befindlichkeit der Regierenden nicht besonders gut bestellt ist. Deutlich waren die Spannungen sichtbar, die der Bundespräsident mit so manchen Mitgliedern des schwarz-blauen Kabinetts hat, und dass ihn die Reise in den Süden alles andere als amüsiert hat. Gut sichtbar waren auch die Spannungen innerhalb der schwarz-blauen Koalition. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel war sichtlich um die Gunst von Finanzminister Karl-Heinz Grasser bemüht, was wiederum den Kärntner Landeshauptmann Haider wenig freute. Und weil der freiheitliche Altparteiobmann offenkundig nichts so wenig verträgt wie Nichtbeachtung, holte er sich die fehlende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wieder einmal durch eine Feixerei im Stil pubertierender Jugendlicher, indem er sich auf den Sessel des Präsidenten setzte, nachdem dieser sich verflüchtigt hatte. Die Kärntner applaudierten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2000)