Wien - Die Pläne der deutschen Energiekonzerne, kalorische Kraftwerke stillzulegen und zahlreiche Jobs zu streichen, werden in Österreich Schule machen. Derzeit hat die heimische Energiewirtschaft bis zu 20.000 Mitarbeiter, darin sind allerdings auch die Stadtwerke inkludiert, wo eine genaue Zuordnung nicht möglich ist, ob diese für Strom zuständig sind oder nicht. "Mindestens 1000 Arbeitsplätze gehen noch verloren", erwartet Dietmar Wenty, der Energieexperte der Arbeiterkammer (AK). Neben der normalen Rationalisierung seien dafür vor allem die Schließung von kalorischen, also mit Öl oder Kohle befeuerten, Kraftwerken. Bei den Landesenergiegesellschaften, die im Jahr 1998 noch mehr als 5000 Mitarbeiter hatten, würden wohl noch fünf bis zehn Prozent der Beschäftigten ihre Jobs verlieren. Bei den Sondergesellschaften - primär die Wasserkraftwerke des Verbunds - könnten noch 1000 Stellen wegfallen, schätzt der AK-Experte. Zwar würden viele der Gekündigten in den Unternehmen verbleiben können, aber aus einem Kraftwerkstechniker könne man schwerlich einen Key-Account-Manager im Vertrieb machen, erläuterte Wenty.

Allerdings werde es beim Tempo und der Notwendigkeit des Personalabbaus deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen geben. "Bei der Kelag ist kein Speck mehr drinnen, auch die EVN ist schon sehr weit mit den Rationalisierungen", sagte Wenty im Gespräch mit dem STANDARD. In Wien sei dagegen noch einiges drinnen.

Schon in den vergangenen Jahren habe die Strombranche massiv Personal eingespart, pro Jahr zwischen drei und vier Prozent. In nackten Zahlen: Bei den Landesgesellschaften verloren seit 1986 rund 3400 Mitarbeiter ihren Job, das ist ein Minus von über 22 Prozent. Noch stärker rationalisiert haben die Sondergesellschaften: 2000 Mitarbeiter gingen, das ist ein Minus von fast 29 Prozent.
Bei den Kraftwerksschließungen wird es laut Wenty ein deutliches West-Ost-Gefälle geben: "Je weiter in den Osten man kommt, desto kalorischer wird es." Während Tirol 100 Prozent seines Stroms aus billigen, weil abgeschriebenen Wasserkraftanlagen, produziere, werde in Wien fast die ganze Energie durch Verfeuerung fossiler Brennstoffe erzeugt. Allerdings seien Kraftwerksschließungen nicht zu erwarten, weil die WienStrom die Anlagen für die Fernwärme braucht. Auch andere Versorger seien wegen der installierten Kraft-Wärme-Kopplungen in der Bredouille. Selbst wenn sie den Strom nicht zu Marktpreisen erzeugten, benötigten sie die Kraftwerke für die Wärmeversorgung. (Clemens Rosenkranz, DER STANDARD, Printausgabe 12.10.2000)