Wien - Hofmannsthals Anrufung des Heiligen Geistes, auf dessen Gnadenerweis auch der verstockteste Wüstling in seiner Sterbestunde getrost hoffen darf, ist von der Machart honigsüßer Propaganda: Wer sie verwirft, zieht sich selbst die geweihte Erde unter den Füßen weg. Denn wer immer die Tröstungen des Katholizismus in den Wind schlägt, wird die unabweisbare Tatsache des Todes deswegen nicht geringer achten - vor dieser Grunderfahrung verblasst der begründetste Einwand gegen die literarischen Schrecken des Jedermann . Es scheint unklar, welche Spekulation auf Tod und Gnade Regisseur Klaus Fischer zur Aufführung des Jedermann verleitet hat. Er führt den Tod als Gottes getreuen Knecht im Drillich vor: als Dienstleister aus der Vorstadt mit dem Knittergesicht eines Starkstrommonteurs (Alfred Schedl). Das Publikum begegnet ihm zwanglos im Foyer der Gruppe 80. Somit ist die erste Station auf Jedermanns frömmelnder Passion auch eine Studie in natürlicher Angstabnahme. Es gewahrt Jedermann (Thomas Kamper) obendrein in der Maske des leitenden Angestellten in der Lebensfabrik. Whiskey löscht da nur unzulänglich die Erhitzung des Konsumgüterverbrauchers. Und man lauscht überrascht Hofmannsthals Geldtheorie (dass, wenn alles zu gleichen Teilen unter den Armen aufgeteilt würde, nichts überbliebe) und denkt sich: kluger Mann!

Was auf der Guckkastenbühne folgt, ist aber nur ein Angstwachtraum mit Overheadfolie: Auf sie malt Roman Scheidl die Kalligraphie der "Vanitas". Jedermann sitzt mit Laurel & Hardy zu Tisch, lässt sich von einem Weißclown (Gabriela Hütter) zärtlich in den Tod einstreicheln und von einem Kardinal (Alexander Lhotzky) vor den Gefängnisgitterschatten einer Kathedrale zum Seelenheil förmlich zwingen. Kamper legt sich mit den "Werken", dieser zu Lebzeiten leider unbefriedigt gebliebenen Witwe, zur Umarmung in ein Grab aus Stroh. Frau Nachbarin, euer Leichentuch!

Die Inszenierung, die gut begann, weiß nicht, ob sie nicht klüger sein will als Hofmannsthal, ohne ihn aber zu beschämen. Daher: Seele gerettet. Inszenierung tot! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12. 10. 2000)