Eine Malerei von Paul Klee dient als Matrix. Durch ein dunkles Gitter leuchten die Farben der Welt hervor und drohen zugleich zu verschwinden. Später wird das Bild etwas abgewandelt nochmals erscheinen, diesmal als Fernsehschirm, auf dem der Nato-Einsatz in Serbien zu sehen war. Aber in der radikalen Großaufnahme verkommt die Information zum sinnlosen Gefecht von Pixels.De Grote Vakantie versucht sich noch einmal, vielleicht ein letztes Mal, des Lebens hinter dem Gitter zu vergewissern. Am Anfang des Dokumentarfilms des Holländers Johan van der Keuken steht nämlich die Nachricht, dass er an Prostatakrebs erkrankt ist. Wie lange er noch zu leben hat, ist ungewiss. "Lass uns Reisen machen", lautet darauf die logische Konsequenz seiner Frau Nosh, die auch den Ton zu seinen Filmen macht. Denn solange man Bilder herstellen kann, wie van der Keuken schließlich sagen wird, sei man noch nicht tot. Im Mittelpunkt des Films stehen zuerst zwei große Reisen in denkbar weit entfernte Regionen, in den Himalaya-Staat Bhutan und nach Burkina Faso, in die Sahara. Wie als Hommage an die ethnographischen Expeditionen im Dokumentarfilm studiert er dort das Dasein der Menschen, das sich einmal in vielfältigen buddhistischen Ritualen vollzieht, das andere Mal als täglicher Überlebenskampf gegen eine tückisch karge Natur. Das Wunderbare an De Grote Vakantie ist jedoch, dass auch die Passage, der Akt des Reisens, die Beschwerlichkeit jeder Annäherung nicht ausgespart werden. Ob Flugzeuge, Busse, Jeeps oder nur ein Fußmarsch, die Bewegung an sich stellt van der Keuken stets seinen Bestandsaufnahmen gegenüber. In seiner narrativen Struktur folgt der Film einem Tagebuch. Das Medium der persönlichen Handschrift ist dafür eine Videokamera, deren Aufnahmen De Grote Vakantie auf den Körper und damit auf die Krankheit des Filmemachers zurückwerfen: Interviews mit seinem Arzt in Utrecht, aber auch Szenen bei einer Wunderheilerin aus Bhutan, die wie ein Blutegel an ihren Patienten saugt, liefern die widersprüchlichen, oft auch komischen Belege dieses sehr persönlichen (Verzögerungs-)prozesses. Die Auseinandersetzung mit dem Sterben findet ihr Echo in einer neu geweckten Intensität des Erlebens: Van der Keuken tut Dinge, die er noch nie getan hat (etwa Drachenfliegen), aber er beginnt auch das Weiterleben seiner Bilder zu sichern. Das Kino wird dabei zum Symbol für das Leben: Gegen die drohende Dunkelheit flackern immer wieder die Gespenster eines unauslöschlichen Daseins auf. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Beilage 12. 10. 2000)