Verlassen Sie Ihren Atombunker nur noch, um sich rasch mit dem Allernotwendigsten an Trost und Information einzudecken? Mittwoch etwa mit der Dame, die in tiefer Hocke eine Zigarre rauchte, eine Pose, die der Erläuterung durch alte Volksweisheit dringend bedurfte: Wozu in die Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah, lautet ein Sprichwort, das auf unsere heutige Schöne zutrifft. Denn die fesche Elisabeth, hier in verführerischer schwarzer Spitze, ist Österreicherin.

Das Genie, das so keck mit Sprichworten umgeht, ist, wie gleich nebenan sichtbar wurde, ein unermüdliches Genie jeglichen Preisens. Diesmal überreichte der Feinspitz der täglichen Hausmeistererotik einer Dame - einer anderen - den Preis "Feinspitz des Jahres 2000" in Gestalt eines Tellers, auf dem geschrieben stand: Feinspitz des Jahres 2000 - Neue Kronen Zeitung. Wann überreicht er endlich die Nobelpreise?

Dass die Österreicherin schwarze Spitze trug, hat einen guten Grund, der den Arrangeur dieser Szenerie als die Krone der Feinspitze ausweist. Die Farbe der Reizwäsche sollte offenbar das neue Lebensgefühl der Österreicher - todesmatt, aber gereizt - zum Ausdruck bringen, war doch einen Tag zuvor die "Kronen Zeitung" mit einem Titelblatt erschienen, das vor einem düsteren grauen Steinkreuz menetekelhaft die Türme von Temelín zeigte, umrahmt von den Schlagzeilen Ab heute leben wir in Atomangst - Ein Tschernobyl an unserer Grenze - Temelín.

Man würde sich erwarten, dass ein Blatt mit einem solchen Aufmacher voll ist mit rettenden Ratschlägen für den Tag des böhmischen Supergaus und danach. Doch die "Krone" demonstrierte mit business as usual, dass sie die Angst nicht teilt, die sie zu Geld macht: Tierbild auf Seite 5 (melancholischer Tiger), Erotik Seite 7 (raffiniert, sexy, feminin), Hausfrauenprogramm Seite 12 (Marga Swoboda: Mit 49 lieben gelernt), und das Horoskop versprach den Geburtstagskindern: Viele Partnerschaften, die Trennungstendenzen aufwiesen, erhalten neues Feuer. Aber ob sich das auf Bunkernächte nach der Temelín-Schmelze bezog, blieb unentschieden.

Und wenn der an anderer Stelle des Blattes regelmäßig gepflegte Senilpriapismus auf die Leserbriefseite übergriff, deutet das darauf hin, dass der Atomschock, der da herbeigeschrieben werden sollte, auch die Konsumenten wenig berührt. Dort fand sich unter einem Foto, das den Rückenakt einer jungen Dame zeigt, folgende Anpreisung: Wir sind schon circa 40 Jahre "Kronen Zeitung"-Abonnenten und ich schaue mir immer diese schönen nackten Mädchen an. Beim Anblick dieses Fotos kam mir so der Gedanke, es einfach der Zeitung zu schicken. Es entstand auf der schönen Insel Rab und es ist meine Tochter Bettina. S. B., Steiermark. Die Sache ist völlig in Ordnung - schließlich versteht sich die "Krone" als Familienblatt.

Wirklich schockierend - anders als der Cover mit Temelín - war der, den die "Krone" am selben Tag für ihre Kärntner Ausgabe aufbot. Da sonderte unter einem landespatriotischen Genrebildchen der Volksdichter Wolf Martin eine Huldigung an Kärnten in Sonettform ab, die u. a. so ging: Den Reisenden erfasst ein heil'ges Schauern, fühlt er den Atem der Geschichte wehn. Es hatte Deutsches, um zu überdauern, dort immer wieder in den Kampf zu gehn. Immer wieder? Er meint wohl von 1920 über 1938 bis zur ordentlichen Beschäftigungspolitik, und er meint es bejahend. Wenn da nicht den Lesenden ein unheil'ges Schauern überfällt, fühlt er den Atem dieses Poeten wehn!

Weiter geht es so: Doch über Opfer, die sie stolz beweinte,/ ergriff die Treue dort die Bruderhand,/ die Nord- und Südliches so hold vereinte. Ob nun die stolz weinende Treue die hold vereinende Bruderhand ergreift oder die stolz weinende Bruderhand die hold vereinende Treue is lei ans, in Anbetracht des besitzanzeigenden Supergaus, mit dem das Werk explodiert: Gott segne dich, mein liebes Kärntnerland.

Wenn Martin dafür den Kärntner Landespreis für patriotisches Gefasel erhält - dreimal dürfen Sie raten, welcher Feinspitz ihn überreicht. Günter Traxler