Wien - Warnung! Es ist eigentlich völlig verfehlt, diesen Artikel dem Format Kritik zuzuordnen; Laudatio oder Hommage wären ohne Zweifel bezeichnender. Durchaus möglich auch, dass in den folgenden Zeilen kaum ein Satz ohne Superlativ oder Rufzeichen zu finden sein wird. Der Grund dafür? Aber bitte: Das zweite Philharmonische Abonnementkonzert dieser Saison war im Wiener Musikverein nichts weniger als ein musikalisches Mirakel! Was für eine Präzision, was für eine Agilität, die die Philharmoniker da etwa bei Beethovens Zweiter Symphonie an den Tag legten! Und wie transparent und gleichzeitig plastisch das Klangbild, welches Mariss Jansons, Chefdirigent aus Oslo, da mit spielerischer Leichtigkeit formte! Man könnte es ja glatt als rhythmische Musikgymnastik bezeichnen, was der mittlerweile 158-jährige Klangkörper da auf der Bühne des Musikvereins betrieb. Die Motiv-Bällchen Behende und mit juvenilem Esprit spielten sich die verschiedenen Instrumentengruppen die Motiv-Bällchen zu oder verwebten die thematischen Bänder zu einem bestrickenden akustischen Ganzen. Und zu Beginn des zweiten Satzes der Symphonie war man dann doch glatt gezwungen, kurzfristig das Atmen einzustellen, so innig und so warmklingend-zart, wie die Streicher da das Hauptthema des Larghettos hinzauberten. Was für eine Anspannung da gewesen sein muss, vor seinem eigenen Orchester auch in der exponierten Position des Solisten bestechen zu wollen, konnte man an Rainer Honecks großer Freude und Erleichterung ablesen, mit denen der Konzertmeister den begeisterten Applaus und die vielen Bravo-Rufe für die Gestaltung von Dvoráks Violinkonzert entgegennahm. Technisch perfekt meisterte er die virtuosen Passagen des ersten Satzes, mit großer Intensität und Wärme beeindruckte er im Zweiten; vielleicht, dass er im Finalsatz etwas zu häufig forcierte. Wenn man nun um die bisherigen exzeptionellen Leistungen der Philharmoniker wusste und als letztes Stück Till Eulenspiegels lustige Streiche von Richard Strauss am Programmzettel sah, so war eine Sache glasklar: Das würde jetzt einfach ein Wahnsinnsding werden. Und das wurde es auch: Mariss Jansons strukturierte dieses so abwechslungsreiche, an thematischen Einfällen berstende Stück dynamisch derart geschickt, dass bei dessen Höhepunkt wahre Endorphinsintfluten frei wurden, und die Wiener Philharmoniker quäkten und trommelten und schmetterten lustvollst und mutierten im Verlauf des Stücks vollends zum orchestralen Wunderkollektiv. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 10. 2000)