Mürzzuschlag - Das Theater ist ein Flittchen. Wenige wussten das so gut wie der Kärntner Poet Georg Timber-Trattnig. Weswegen er es heiß liebte und ihm bunt glitzernde Gaben darbrachte: Stücke, reich an vergnüglich zerplatzenden Wortblasen, Geschichten, die sich aus Science-Fiction und zerfleddertem Schund nährten, Personenpuppen, bestehend aus Abfall der Popgesellschaft. Leider aber wollte die Angebetete von den Avancen des Dichters nicht allzu viel wissen, auch weil sie um sich selbst ein wenig fürchtete. Denn Respekt vor der Ehrwürdigkeit ihres Gewerbes hatte der junge Bursche keinen. Er zerzauste ihr die Haare, riss ihr die Kleider in Fetzen, spielte dazu überlaute Musik und freute sich sehr. Übrig blieb nach den wenigen Begegnungen der beiden meist allgemeine Verwüstung. Liebe, blutbeschmiert Im Kunsthaus in Mürzzuschlag verhielt es sich bei der jetzigen Uraufführung von Hera Clit nicht anders. Am Ende breitet sich der Abfall über die gesamte Kellerbühne, das blutbeschmierte Liebespärchen Hera und Clit sitzt am trashigen Wohnzimmersofa und schaut fern. Ruhe nach dem Theatersturm. Und doch ist ein (Teil-)Erfolg zu vermelden: Denn das Theater wollte an diesem Abend wirklich Flittchen sein, wollte im falschen Glanze strahlen und sich hinterrücks mit Ekligem beschmieren. "Girl Power" nennt man so etwas. Und es fing schon ziemlich heftig an: Der Autor als schweißtriefende Bühnenfigur zappt von einem Programm zum nächsten, von Woytilas Ave Maria zu schnulzigen Schlagern. Er zuckt, er säuft und erweckt schließlich das Liebespärchen Hera und Clit zum Leben, das fortan in holprigsten Versen die Handlung in seine eigenen Hände nimmt: eine poppige Theatergeburt und eine schöne Reverenz von Regisseur Georg Staudacher an den jüngst verstorbenen Autor. Das Problem Heras und Clits ist denn allerdings irdischer Natur: "Wir können nicht zusammenkommen", und das ist ziemlich eindeutig gemeint. Sie töten sich, fahren auf in den Kosmos, landen am Ende wieder auf der Erde und gebären einen Teletubbie. Was ziemlich abgefahren klingt, ist es auch. Entscheidend aber ist wie Georg Staudachers Theateranarchie fröhliche Urständ feiert, wie er seine Darsteller Brigitte Soucek und Gottfried Neuner zu trashigen Höhenflügen animiert. (S)Ex und hopp und aller Peinlichkeit ade! So könnte es gehen! Das Theater ist eine Schlampe, und Georg Timber-Trattnig dürfte ihr an diesem Abend ziemlich anzüglich zugelächelt haben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 10. 2000)