Warschau - Polen ist heuer Schwerpunktland auf der Frankfurter Buchmesse, die am Dienstagnachmittag eröffnet wird und bis 23. Oktober geöffnet ist. Im folgenden sollen bedeutende verstorbene Vertreter der polnischen Literatur, aber auch zeitgenössische Autoren in kurzer Form vorgestellt werden. Als "lyrische Revolutionäre" bezeichnete der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck die Polen, und zumindest die wichtigsten polnischen Lyriker und Literaten waren stets auch inspiriert von und inspirierend für die polnische Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegung im 19. Jahrhundert. Der polnischen Romantik folgten der Realismus und eine knappe prägnante Lyrik, die bis in die Gegenwart die polnische Literatur beeinflusst. Adam Mickiewicz - literarischer Vater des polnischen Nationalgefühls "Litauen, mein Vaterland!" - Diese Zeilen, Anfang des Versepos "Pan Tadeusz" (Herr Tadeusz) von Adam Mickiewicz (1798-1855), kennt in Polen jedes Schulkind. Vor allem mit diesem Werk über polnischen Kleinadel in Litauen und den Kampf gegen die russische Herrschaft wurde Mickiewicz zum literarischen Vater des polnischen Nationalgefühls. Mit teilweise mystischem Nationalismus und volkstümlichen Elementen schuf er eine neue Art des romantischen Dramas. Wegen Verbreitung polnisches Nationalismus zur Deportation nach Russland verurteilt, war er zeitlebens Verfechter polnischer Unabhängigkeit in einer Zeit, in der der polnische Staat von Preußen, Russland und Österreich aufgeteilt war. Juliusz Slowacki - Romantik und Freiheitskampf Zu Beginn seines literarischen Schaffens war Juliusz Slowacki (1809-1849), einer der bekanntesten Dichter der polnischen Romantik, von Byron und den damals populären exotischen Themen beeinflusst. Unter dem Einfluss des gescheiterten Aufstands der polnischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die russische Oberhoheit im November 1830 wurde der polnische Freiheitskampf zu einem der wichtigsten Themen Slowackis, der erst nach Frankreich und dann nach Genf emigrierte. Die staatliche Wiederherstellung Polens war auch im Exil eines seiner bestimmenden Themen. Henryk Sienkiewicz - mehr als nur "Quo Vadis" Im Westen dürfte Henryk Sienkiewicz (1846-1916) vor allem durch die Hollywood-Verfilmung seinen Historienromans "Quo Vadis" bekannt sein. In seiner Heimat kam der Literat und Historiker, der 1905 als erster Pole den Literatur-Nobelpreis erhielt, mit seiner in der jüngeren polnischen Geschichte angesiedelten Trilogie "Die Sintflut" zu Berühmtheit. Darin schilderte er die Kämpfe Polens gegen Tataren, Schweden und Türken. Seine Romane wurden wegen ihres theatralischen Stils zwar kritisiert, waren wegen ihrer lebendigen Schilderungen beim zeitgenössischen Leser sehr beliebt. Wladyslaw Reymont - mit Bauernchronik zum Nobelpreis Mit seinem realistischen Stil war der Schriftsteller und Journalist Wladyslaw Reymont (1867-1925) einer der herausragenden Vertreter der literarischen Strömung des "Jungen Polen". Seine Beschreibungen sozialer Kontraste weisen teils Elemente der literarischen Reportage auf. Mit "Das gelobte Land", das die Industrialisierung in der Textilmetropole Lodz beschreibt, erreichte Reymont seinen literarischen Durchbruch. Vor allem für seine fast durchgehend im dörflichen Dialekt geschriebene vierbändige Chronik "Die Bauern" wurde er 1924 mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Czeslaw Milosz - Emigrant mit einem Koffer in Krakau Obwohl der 1911 geborene und 1980 mit dem Literatur-Nobelpreis geehrte Czeslaw Milosz vor allem Dichter ist, wurde er international mit seiner Analyse "Verführtes Denken" bekannt - eine Abrechnung mit dem Kommunismus und der eigenen Vergangenheit. Milosz war zunächst im diplomatischen Dienst tätig, brach dann aber mit dem sozialistischen Regime und bat in Frankreich um politisches Asyl. Seit 1960 lebt er in den USA, lehrt an der Berkeley-Universität und wurde 1970 US- Staatsbürger. Nach der politischen Wende in Polen ist Milosz auch regelmäßig in Polen - ein Emigrant, der immer noch einen Koffer in Krakau (Krakow) hat. Wislawa Szymborska - Ironie und Sprachpräzision Als die 1923 geborene Wislawa Szymborska 1996 den Literaturnobelpreis erhielt, war die Dichterin außerhalb ihrer Heimat weitgehend unbekannt. In Polen hat sie seit den 50er Jahren mehr als ein Dutzend Gedichtbände veröffentlicht, die die Leser vor allem wegen ihrer feinen Ironie, präzisen Sprache und lyrischer Pointe fesseln. Anders als viele ihrer literarischen Kollegen hat sich Szymborska niemals politisch interessiert. Nach dem Nobelpreis warteten die Leser der eher introvertierten Dichterin bisher vergeblich auf einen neuen Gedichtband - nach dem Rummel um ihre Person klagte Szymborska über fehlende Ruhe und Muße zum Schreiben. Zbigniew Herbert - Dichter aus Zufall Letztlich ist es dem kommunistischen Regime in Polen zu verdanken, dass Zbigniew Herbert (1924-1998) Dichter wurde. Denn seine kompromisslose Ablehnung des sozialistischen Regimes versperrte dem Juristen und Philosophen nach dem Zweiten Weltkrieg die eigentlich geplante Universitätskarriere. Dichter wurde er eher aus Zufall. Seine Gedichtsammlung "Herr Cogito" wurde zum Inbegriff eines sich gegen die Unterdrückung auflehnenden Menschen, eine "Dichtung des Gewissens". Viele Jahre wurden Herberts Werke nur im Ausland oder in polnischen Untergrundverlagen veröffentlicht. Herbert selbst lebte jahrelang in den USA und Frankreich. Tadeusz Rozewicz - Mit Antipoesie nicht mehr wegzudenken aus Lyrik Die Frage, ob eine Dichtung nach Auschwitz überhaupt möglich sei, hat der 1921 geborene Tadeusz Rozewicz mit seiner Antipoesie beantwortet. Lakonisch, nüchtern und programmatisch waren vor allem seine frühen Werke die Stimme eines Überlebenden der Gräuel des Zweiten Weltkriegs. Mit Mitteln der Dichtung wollte er ausdrücken, wo normale Worte meist versagen. Auch seine späteren Werke sind durch Knappheit und prosaische Sprache gekennzeichnet, seine Antipoesie ist heute nicht mehr aus der polnischen Lyrik wegzudenken.- In diesem Jahr wurde Rozewicz mit dem renommierten polnischen Literaturpreis "Nike" ausgezeichnet. Adam Zagajewski - Vertreter der dichtenden 68-er Obwohl er sich, wie in seiner jüngst veröffentlichten Autobiografie "Ich schwebe über Krakau" beschrieben, vor allem als Dichter und weniger als politischer Aktivist sieht, konnte der 1945 geborene Adam Zagajewski der Politik nicht entgehen. Einer der führenden Vertreter der "68er Generation" unter den Dichtern Polens, erlebte er als Student die antisemitische Hetz- und Säuberungskampagne in Polen. In seinen Gedichten, Essays und Romanen spielt die Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Regime, die Frage von Anpassung und Widerstand deshalb eine ebenso starke Rolle wie philosophische Betrachtungen. Zagajewski lebt heute in Frankreich. Andrzej Szczypiorski - mit der schönen Frau Seidenman zu Weltruhm Andrzej Szczypiorski (1924-2000) wurde international mit seinem Roman "Die schöne Frau Seidenman" berühmt. Die Geschichte einer Warschauer Jüdin, die im Untergrund den Zweiten Weltkrieg überlebte, ist außerhalb Polens sein bekanntestes Werk. In Polen selbst begründete er mit dem 1071 veröffentlichten Roman "Eine Messe für die Stadt Arras" seinen Ruf als moralische Autorität. Die Geschichte der Judenverfolgung im 15. Jahrhundert wurde von den Lesern als Parabel auf die antisemitische Hetzkampagne und die Verfolgung kritischer Intellektueller im Jahr 1968 in Polen interpretiert. Im Mittelpunkt von Szczypiorskis Werken steht das Verhältnis von Polen, Deutschen und Juden. Ryszard Kapuscinski - Chronist der Kriege und Revolutionen Dem 1932 geborenen Ryszard Kapuscinski verdanken die Polen gleich doppelt einen Blick auf die Welt. Als Korrespondent der polnischen Nachrichtenagentur PAP beschrieb er die Krisenherde der Dritten Welt, Palastintrigen und Revolutionen. Als Schriftsteller zeigte er sich als Meister der literarischen Reportage, detailgenauer Beobachter und nachdenklicher Essayist. Ob "Imperium", eine Beschreibung der zerfallenden Sowjetunion, "Wieder ein Tag Leben" über den Bürgerkrieg in Angola oder "König der Könige" über den äthiopischen Kaiser Haile Selassie - am Ende steht auch die Erkenntnis, die den Titel seines neuesten Buchs ausmacht: "Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies". Kazimierz Brandys - vom Sozialisten zum Dissidenten Der Essayist und Romanschriftsteller Kazimierz Brandys (1916-2000) war während seiner Studentenzeit Sozialist, nach dem Krieg, den er mit gefälschten "arischen Papieren" überlebte, einer der Vertreter der "Tauwetterperiode" und seit den 70er Jahren Teil der demokratischen Opposition in Polen. In seinen Werken spielen Geschichte und Politik eine ebenso wichtige Rolle wie menschliche Beziehungen. Nach Verhängung des Kriegsrechts in Polen lebte er im Exil in Paris, wo er bis zu seinem Tod blieb. Ida Fink - Holocaust-Biografien ohne Pathos Die 1921 geborene polnisch-jüdische Autorin Ida Fink konnte sich als 21-Jährige aus dem Getto ihrer Heimatstadt Lwow (Lemberg) auf die "arische Seite" retten und überlebte im Untergrund. Seit 1957 lebt sie in Israel. Ihre auf polnisch geschriebenen Kurzgeschichten ("Eine Spanne Zeit") sind Holocaust-Biografien ohne Pathos, die Schicksale und Überlebensstrategien schildern. Dabei konzentriert sie sich in auf die kleinen Details der Vernichtungsmaschinerie und deren Auswirkungen auf die menschliche Psyche. Tadeusz Borowski - Überlebensmechanismen in Auschwitz Nur wenige schilderten die Tragödie der "verlorenen Generation" von Besatzung und Krieg so eindringlich und unsentimental wie Tadeusz Borowski (1922-1951). Seine Erfahrungen als Häftling in Auschwitz beschrieb er in scheinbar zynischen Untertönen ("Bitte Herrschaften, ins Gas"), oft aus der Perspektive der Lager-Kapos, die sowohl Opfer als auch Täter waren, eine Welt, in der die alten Werte zusammenbrechen und jeder nur noch das eigene Überleben zu sichern sucht. Borowski überlebte mehr als zwei Jahre in Auschwitz, Dachau und anderen Lagern und veröffentlichte 1946 mit zwei Mithäftlingen eine literarische Dokumentation über die Lagerzeit. Er beging 1951 in Warschau Selbstmord. Hanna Krall - Porträts und Geschichten Die 1937 in Warschau geborene Hanna Krall hat als Reporterin des Magazins "Polityka" Leben und Alltag ihrer Landsleute porträtiert. Als Schriftstellerin ("Da ist kein Fluss mehr") verbindet sie authentische Fakten und Berichte mit Fiktion, um polnisch-jüdische Lebensläufe zu schildern oder das Verhältnis von Deutschen, Polen und Juden aufzuzeichnen. Techniken von Interview und Reportage sind dabei auch in ihrem literarischen Werk wiederzufinden - eines ihrer in Polen bekanntesten Bücher ist ein Intervies mit Marek Edelman, dem letzten überlebenden Anführer des Warschauer Getto-Aufstands. Stefan Chwin - Hanemann als polnisches Gegenstück zur "Blechtrommel" Mit seinem Roman "Tod in Danzig" hat der 1949 geborene Stefan Chwin ähnlich wie Günter Grass mit seiner "Blechtrommel" ein Bild Danzigs in den 30er Jahren gezeichnet, das über die deutsche Besatzung in die Nachkriegszeit führt. Mit dem deutschen und polnischen Erbe Danzigs befasste sich Chwin bereits in seinem 1991 veröffentlichten Roman-Erstling "Kurze Geschichte eines bestimmten Scherzes", einer literarischen Aufarbeitung von Besatzung und Stalinismus. (APA/dpa)