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Valle d'Aosta

APA
Das Hochwasser in der Schweiz hat nachgelassen, die Fluten bedrohen nun Oberitalien, Dutzende Todesopfer wurden schon geborgen, Tausende Menschen mussten ihr Heim verlassen. STANDARD-Mitarbeiter Gerhard Mumelter berichtet über die Auswirkungen der Katastrophe auf das Gebiet um Aosta. Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Am Ortsrand von Donnas (südöstlich von Aosta), hinter dem Gehöft von Luigi Deval, fährt eine Bulldozerschaufel in einen Berg Ka- daver. Mit einem dumpfen Geräusch fällt ein Rind nach dem anderen in bereitgestellte Container. Von den 120 Kühen im Stall hat keine überlebt, als die Dora Baltea nachts über das Anwesen hereinbrach. "Wir sind ruiniert", sagt Deval mit trockener Stimme. Die Nachbarfamilie steht im Wasser und wimmt. Wimmen nennen die Menschen hier die Weinlese - nun "ernten" sie, was der Fluß vom Weinberg übrig gelassen hat. Nicht eben viel. Um vier Uhr brachen die Wassermassen über das Weinbauerndorf herein. "Ein Geräusch wie Donner", erinnert sich Franco Danzi. Fassungslos starrt er auf Mauerreste seines ehemaligen Hauses. "Mir ist nur das schmutzige Hemd geblieben, das ich am Körper trage", sagt er, "jetzt muss uns der Staat helfen." Um sich von der Katastrophe aufzurichten, wird die Re- gion Jahre benötigen. Naturgewalten haben das Gesicht der Landschaft verändert. Wo vorher Dörfer waren, ragen nur noch Dächer aus riesigen Geröllfeldern. Wiesen haben sich in Kraterlandschaften verwandelt, Schlammlawinen haben braune Schneisen in die Wälder gerissen. "Ich bin glücklich, dass wir noch leben", gesteht Laura Imperial. Sie hat mit ihrer Mutter und weiteren 370 Bewohnern in einer Kaserne Unterkunft gefunden. "Ich hatte das Bad gerade verlassen, als ein Baumstamm krachend durch das Fenster drang", sagt sie. "Das war die Stunde null", sagt Laura Imperial nachdenklich. "Jetzt beginnt unser zweites Leben. Doch dieser Tag wird immer wie ein Schatten auf unserer Seele lasten." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 10. 2000)