Erinnert sich noch jemand an den einzigen älteren Reservoir Dog ? Still, Schnauzer, 1000-Yard-Blick - Mr. Blue? Der Mann heißt Edward Bunker. Eine Zeit lang hatte er bloß auf #20284 zu hören. Er lebt vom Schreiben - Essays, Romane, Drehbücher. Der Gefängnisfilm von seinem Wissen, das er sich in rund dreißig Jahren Arbeit als Schwerverbrecher angeeignet hat. Sein schmales literarisches Oeuvre - fünf Bücher in 27 Jahren - gehört zum härtesten, wahrhaftigsten, schlicht besten, was je an Kriminalliteratur veröffentlicht wurde. Steve Buscemi verfilmte nun des Meisters zweiten Roman, The Animal Factory . Edward Bunker wurde Silvester 1933 in Los Angeles geboren. Seine Mutter war Tänzerin bei Busby Berkeley, sein Vater Bühnenarbeiter. Sein erstes Wort soll Hollywoodland gewesen sein. Als er fünf war, ließen sich seine Eltern scheiden. Bunker kam in ein Heim, rannte weg, kam in ein härteres Heim, wurde geschlagen, schlug zurück und so weiter - bis er mit 16 seine erste Gefängnisstrafe abbüßte. In jener Zeit, auf Bewährung draußen, lernte er Louise Wallis - Stummfilmkomödiantin und Gattin des Produzenten Hal B. Wallis - kennen: sie setzte sich für die Rehabilitation jugendlicher Straftäter ein, verschaffte Bunker deshalb einen Job und kümmerte sich auch sonst um ihn. Seine erste längere Haftstrafe - fünf Jahre - verbüßte er in San Quentin, was ihn mit 17 Jahren damals dort zum jüngsten Insassen überhaupt machte. Das wäre wahrscheinlich so weiter gegangen, hätte Bunker nicht in San Quentin seine Berufung gefunden: Bunkers Debüt, No Beast So Fierce , erschien 1973, während seiner letzten Haftstrafe im Hochsicherheitsgefängnis von Marion, Illinois. Damals entstand auch die Knaststudie The Animal Factory . Bei deren Erscheinen 1977 war Bunker schon seit zwei Jahren auf freiem Fuß und mit seiner neuen Karriere beschäftigt. Bunker schrieb seither nur noch zwei Romane: die halb autobiografische Darstellung einer verpfuschten Kindheit, Little Boy Blue (sic!) (1981), und Dog Eat Dog (1997), seine schriftstellerisch vielleicht professionellste Arbeit. Außerdem veröffentlichte er letztes Jahr seine Autobiografie, Mr. Blue . 1978 verfilmte Ulu Grosbart, auf Betreiben von Dustin Hoffman, No Beast So Fierce unter dem Titel Straight Time : Bunker war bei dem Film als Berater am Drehbuch beteiligt und hat eine kleine Rolle. In diesen beiden Funktionen hat sich Bunker in die Filmgeschichte der letzten Jahre eingeschrieben: Von seinen Knasterfahrungen profitierten u. a. Martin Bells American Heart (1994), und Michael Manns Heat (1995). Zu sehen ist er zudem u. a. in Walter Hills The Long Riders. Und Jon Voights Charakter in Heat , Nate, ist in seinem Aussehen, seinem Auftreten, und in den Werten, für die er steht, als Hommage an Bunker konzipiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Beilage 19. 10. 2000)