Der Regisseur Mike Leigh, dem bereits 1996 eines der ersten Viennale-Tributes gewidmet war, gilt als einer der prononciertesten Vertreter des Sozialrealismus im britischen Kino. In Filmen wie Naked oder Secrets & Lies beschrieb er, stets im Verein mit intensiv agierenden Ensembles, zeitgenössische Lebensbedingungen, rau und direkt. Seine jüngste Arbeit, Topsy-Turvy , vollzieht nun eine vor diesem Hintergrund unerwartete Bewegung: Leigh hat die Gegenwart zurückgelassen und sich, einmal mehr als Regisseur und Autor, eines historischen Stoffes beziehungsweise zweier historischer Persönlichkeiten angenommen. Die Operettenkomponisten William Schwenk Gilbert und Arthur Seymour Sullivan gehören zur traditionellen angelsächsischen Populärkultur - nicht zuletzt wenn man an all die Filme denkt, in denen Schulkinder zum Beispiel Pirates of Penzance oder HMS Pinafore einstudieren müssen. Paar in der Krise Die Geschichte von Topsy-Turvy , die um 1880 in London beginnt und gewissermaßen den Konflikt zwischen "Kunst" und "Kommerz" behandelt, ist scheinbar schnell erzählt: Gilbert und Sullivan haben eine Krise. Ihr neues Stück floppt gerade, und der Komponist will nicht mehr länger die Libretti seines Partners vertonen. Dessen Geschichten folgten immer demselben Schema, die handelnden Personen (verhindertes Liebespaar, Zauberer, Hexen und Fabelwesen) wären nur noch Kopien ihrer selbst. Das sei "Topsy-Turvy-dom" - ein wildes Durcheinander, und vor allem ohne Tiefgang. Leigh macht aus diesem Grundmotiv eine epische (und höchst komische) Filmerzählung, ein Backstage-Drama, einen Kostümfilm, die weit über das hinausgehen, was man in diesem Rahmen üblicherweise zu sehen bekommt. Die Ausstattung und ihre (epochengerechte) Überladenheit sind hier Teil eines historischen Materialismus, einer Art von filmischer britischer Kulturgeschichte, die zeitgenössischen technischen Neuerungen und Moden ebenso Rechnung trägt wie den sozialen und politischen Hintergründen. Es geht etwa um Arbeitsverhältnisse: ganze Szenenfolgen beschäftigen sich zum Beispiel mit den Honorarverhandlungen der Darsteller und ihrem wenig gesicherten sozialen Status. Mit einzelnen Klauseln in den Verträgen des Duos, das Teil eines größeren (kommerziellen) Unterhaltungsunternehmens ist. Weiters erzählt Topsy-Turvy fast dokumentarisch von Schauspielern (beziehungsweise Sängern) bei der Arbeit: in Probedurchläufen, nahezu in Realzeit und langen, beobachtenden Einstellungen festgehalten, entstehen großartige musikalische Nummern, die das Musical-Klischee vom "natürlichen", leichtfüßigen kreativen Schaffensprozess relativ nüchtern konterkarieren. Unter Beiziehung irritierter japanischer "Berater" wird der Mikado erarbeitet, jenes Stück musikalischer Japonismus, das Gilbert schließlich, inspiriert von einem japanischen Ausstellungspavillon verfasst, und das seinen Partner überzeugt, die Zusammenarbeit fortzusetzen. Bei all dem nicht zu vergessen: Die Schauspieler und Schauspielerinnen, die hier (zum Teil auch singenderweise) agieren - allen voran Jim Broadbent, Timothy Spall, Allen Corduner oder Shirley Henderson -, haben einen wesentlichen Anteil am großen Vergnügen, das dieser außergewöhnliche Film bereitet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Beilage 19. 10. 2000)