Längst setzen Buchproduzenten und -verteiler auf die Möglichkeiten von Netz, "Print on Demand" und "eBook". Christine Böhler berichtet über das scheinbar unbegrenzte Wachstum digitaler Wissensproduktion auf der Buchmesse. Frankfurt/Main - Neue Dinge bringen neue Begriffe. Die neuen Medien haben uns etwa das dreifache W gebracht, das @ oder das kleine "e" vor einer Unzahl von Worten. Aber manche Dinge ändern sich nicht. Es ist seit 1993 immer die Halle 4.0, die bei der Frankfurter Buchmesse die neuen Medien beherbergt. 1983 wurde der erste Monitor bei der Buchmesse gesichtet; für das Jahr 2001 versprechen Studien immerhin 133 Millionen Internetnutzer. Jeder vierte Aussteller auf der Messe präsentiert elektronische Produkte. "Medienneutrales Publizieren" und "Content", das sind neue Lieblingsworte der digitalen Buchbranche. Die Auswirkungen beginnen bei den Autorenrechten: Bei Autorenverträgen wird inzwischen auch die digitale Nutzung mitverhandelt. Die elektronische Version kommt zur gebundenen Ausgabe und zur Taschenbuchausgabe noch dazu: Das hat Konsequenzen bei der Preisgestaltung. Elektronische Publikationen unterliegen der Buchpreisbindung, allerdings als eigenes Format und damit mit einer eigenen Preispolitik. "Freie" Preise Für Texte, die etwa als "eBook" publiziert werden, kann der Verleger einen neuen Ladenpreis bestimmen. Die zweite Generation dieser elektronischen Lesegeräte, auf die sich der Besitzer Texte aus dem Netz downloaden kann, wurden von der US-Firma Gemstar eBook Group in Frankfurt vorgestellt. Gemstar liefert die Technik und schließt mit den Verlagen Exklusivverträge über die Inhalte ab. Die Verlage seien, so Gemstar, bereit, Texte im eBook-Format früher zur Veröffentlichung freizugeben, zwischen 30 und 90 Tagen vor der gedruckten Version. Die Verlage versprechen, die Preise billiger zu kalkulieren. 70 Partner hat Gemstar bislang in Europa, darunter auch den S TANDARD . Unter den Verlagen finden sich Suhrkamp, dtv, Luchterhand, der Berlin Verlag, Springer oder der Kinderbuchverlag Thienemann. Noch führen die Verlag-Links von der Gemstar-eBook-Homepage meistens nicht zur Download-Möglichkeit, sondern direkt zur Homepage der Verlage. Dort bleibt dann nichts anderes, als nach dem eBook-Text zu suchen. Wie die Käufer, so ist auch die Branche noch immer auf der Suche nach rentablen digitalen Inhalten. Auf der Buchmesse dicht vertreten ist alles, was mit Nachschlagewerken, Datenbanken, Lernsoftware und Vertrieb zu tun hat. Bücher sind die meistgekaufte Ware im Internet, in Deutschland lagen die Umsätze der elektronischen Buchhändler 1999 bei rund 1,3 Milliarden S. Dabei haben spezialisierte Händler durchaus Chancen: 42 Prozent der Umsätze wurden von konventionellen Buchhändlern über ihre Webpage erzielt. Fachbuchhandlungen im Internet wurden auch prämiert: "www.macbooks.de" konnte zwar den gewonnenen Messestand aus Personalmangel nicht besetzen, aber die Hoffnung, an neue Käufer zu kommen, besteht. Das gilt auch für "Print on Demand", dem Drucken auf Bestellung. Über 8000 Titel sind über die neue Technik verfügbar, die Kunden bestellen ihr Buch beim Buchhändler oder über das Netz, und das gewünschte Exemplar wird gedruckt. Verwendet wird Print on Demand bisher vor allem für wissenschaftliche Werke, aber auch die wirtschaftlich Schwachen setzen aktuelle Hoffnungen in die Technologie. In der Halle 4.0 gibt es, so viel sei hinzugefügt, kaum Literatur. Unzählige Datenbanken, Nachschlagewerke, Online-Buchhändler, Print-on-Demand- oder Softwaremodelle werden präsentiert. Die CD-ROMs für Kinder, Lichtblicke der vergangenen Jahre, sind weniger geworden oder in Lernsoftware übergegangen. "Schöngeistige Inhalte" sind in dieser digitalen Welt ungefähr so wenig verbreitet wie in der realen. Steven Spielbergs "Shoa"-Projekt sammelt die Erinnerungen der Überlebenden des Holocaust in einer riesigen Datenbank. Über 50.000 Videointerviews sind im Survivors of the Shoa Visual History- Archiv in Los Angeles bereits vorhanden. "Erinnern für Gegenwart und Zukunft" heißt die auf der Messe vorgestellte CD-ROM, auf der nun auch deutschsprachige Interviews und Zeitdokumente zu finden sind. Der Fernsehsender Arte hat im Sommer einen Internet-Literaturpreis ausgeschrieben und damit deutschsprachige Netzliteraten auf die Messe gelockt. Im Gegensatz zum mit 100.000 US-Dollar dotierten "eBook Preis", der heute Abend während einer Galaveranstaltung in Frankfurt verliehen wird, nimmt sich der Arte-Preis mit 20.000 S bescheiden aus. Die Gewinner betreiben den virtuellen Salon "www.berlinerzimmer.de", der einen guten Einstieg in das bietet, was in der Halle 4.0 bislang kaum Thema ist: Literatur und Kunst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 10. 2000)