Mit sehr großem Interesse, aber auch mit großem Erstaunen, verfolge ich seit Sonntag die Wahlanalysen und die Kommentare zu Waltraud Klasnics Wahlsieg. Hier werden Zahlen geschupft, Schuldige gesucht, über etwaige Geheimrezepte der steirischen ÖVP spekuliert, die Diskussion aus dem Jahre Schnee, ob es nun „Landeshauptmann“ oder „Landeshauptfrau“ heißt, wiederbelebt. Und zu guter letzt diskutieren die Klubhäuptlinge der Bundespolitik darüber, ob sich nun ein Bundestrend ablesen läßt oder nicht und das einfachste aller Parteimitglieder möchte die Koalition brechen, weil die ÖVP eine Doppelstrategie fährt (was die FPÖ ja selber niiiiieee gemacht hat – einfach ehrlich!). Liebe Herren der hohen Politik, darf ich Sie ganz dezent auf etwas hinweisen? Mag sein, dass Ihre Berater sie nie aufmerksam gemacht haben, dass die WählerInnen - und hier mit Betonung auf dem großen I - Ihren Politikstil der großen Worte, der leeren Versprechungen und der Fassaden einfach satt haben. Und stattdessen eine Frau wählen, der das gelingt, was sie nie schaffen werden: nämlich Politik nicht nur für ihr Klientel, sondern eben für ALLE zu machen. Und diese ALLE sind nicht nur Männer, sondern auch Frauen (und wir sind viele, 52 Prozent nämlich). Eine Politik für alle entspricht den Prinzipien des Gendermainstreamings. Gendermainstreaming basiert auf der Forderung, dass „die Chancengleichheit in sämtlichen politischen Konzepten und Maßnahmen der Gesellschaft einzubinden“ sind. Dazu forderte die EU-Kommission ihre Mitgliedstaaten bereits im Februar 1996 (!) auf. Soviel mir bekannt ist, fordern genderbewusste Frauen - wie die Grün-Politikerin Petrovic - im Nationalrat schon einige Zeit die Umsetzung dieser Forderung. Was, wie wir alle sehen können, bisher nicht geschah .... Waltraud Klasnic ist es aber gelungen, Gendermainstreaming in ihrer Politik umzusetzen. Sie hat keine großen Worte darum gemacht – wozu auch, wenn es um Frauenpolitik geht, hören der Großteil der Männer und leider auch manche Frauen demonstrativ weg. Sie führte tatsächlich ein „Normalmaß“ (Zitat Walter Müller im Standard vom 16.10. in „Kopf des Tages“) in die Politik ein: Ein Normalmaß im Sinne einer neuen Qualitätsnorm. Nun ist das Ergebnis sichtbar: Klasnic wurde in ihrem Amt bestätigt. Und das mit einer dermaßen breiten Zustimmung, die seit Zerfall des Lagerdenkens kaum jemand für möglich gehalten hat. Der Wahlerfolg der Waltraud Klasnic läßt vielleicht doch einen Bundestrend ablesen: Er ist eine Totalabsage an die Politik der Oberflächlichkeit, der Aggressivität und der Diskriminierung sozial schwacher Gruppen; eine Totalabsage an die Politik des „kleinen Mannes“, die vor allem in ihrer Kleingeistigkeit zum Himmel schreit. Man(n) wird nicht als (kleiner) Mann geboren, man(n) wird dazu gemacht. Ebenso wie Frau. Bevor sich Analysten und Politiker in ihrer Uneinigkeit über das Phänomen Klasnic gegenseitig zerfleischen, sollten sie vielleicht einen Blick in das „Manifest für eine starke steirische Frauenpolitik“ machen. Sehr empfehlenswert, auch für die Männer innerhalb der ÖVP! (nl)