Innsbruck/Bregenz - "Mehr Regen an weniger Tagen", bringt der Geograf Thomas Loster die Entwicklung der letzten Jahre mit häufigeren Starkniederschlägen auf den Punkt. Loster ist Fachbereichsleiter für Wetterrisiken und Klimafragen der Münchner Rückversicherung. Gemeinsam mit Natur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftern diskutiert er an der Uni Innsbruck derzeit den "Klimawandel in den Alpen". Die halbe Jahresniederschlagsmenge innerhalb von drei Tagen könne kein Boden verkraften, Sturzfluten wie zuletzt im Aostatal und im Wallis seien die Folge, meint Loster. Die Häufungen derartiger Ereignisse gilt für die Experten als bewiesen, vorsichtiger sind die Aussagen über den menschlichen Anteil an der Entwicklung. Zuletzt steht ein Temperaturanstieg in den Alpen um mehr als ein Grad Celsius während der letzten hundert Jahre außer Streit. Der Innsbrucker Limnologe Roland Psenner verweist darauf, dass die Faktoren der globalen Erwärmung im Alpenraum folgenreicher als im Flachland wären. Dazu zählt etwa das Auftauen gefrorener Böden, das zu einem erhöhten Risiko von Hangrutschungen führt. Der Grazer Ökonom Karl Steininger nennt die dramatische Verschlechterung des Zustandes des Schutzwaldes - vor allem durch Lkw-Verkehr verursacht - als Beispiel für ein erhöhtes Risiko von Muren und Lawinen in Tirol, weil die bereits zu 60 Prozent geschädigten Wälder weniger imstande sind, Wasser zurückzuhalten. Für Loster steht außer Frage, dass Zahl und Intensität von Naturkatastrophen in den Alpen zunehmen werden. Die entstehenden Schäden würden deshalb anwachsen, weil der Mensch in immer exponiertere Regionen vorgedrungen sei. Die Möglichkeiten, den Katastrophen mit technischen Mitteln zu Leibe zu rücken, seien begrenzt. Teuer, aber wirksam Ein teures, aber wirksames Beispiel seien anhebbare Brücken, wie sie im Anfang der 90-er Jahre von Hochwasser schwer verwüsteten Brig (CH) errichtet worden sind. Dadurch wird das Verstopfen der Brücken durch Holz, Müll oder Schlamm verhindert, das in Brig für die Überflutung des Dorfes verantwortlich war. Greenpeace-Klimaexperte Erwin Mayer spricht von "erneuten Zeichen einer vom Menschen beschleunigten globalen Erwärmung", er fordert die UNO-Klimakonferenz vom 13. bis 24. November in Den Haag dazu auf, "wirksame Maßnahmen gegen den Treibhauseffekt umzusetzen und Schlupflöcher zu schließen". Ein gezielter Datenaustausch zwischen den drei Anrainerländern soll die Hochwasservorhersage am Bodensee verbessern. Durch aufeinander abgestimmte Beobachtungen und Datenerfassungen wird der Bodenseepegel, so das Ziel, 48 Stunden im Voraus berechnet werden können. Unliebsame Überraschungen, wie das Pfingsthochwasser von 1999, als Rhein und Bodensee die Bevölkerung und Hilfskräfte wochenlang in Atem hielten, sollen durch regelmäßigen Informationsaustausch verhindert werden. Darauf einigten sich Vorarlberg, Baden-Württemberg und die Schweiz in einer Vereinbarung. Basis der Prognose sind einheitliche Daten- und Modellgrundlagen zur Interpretation der Wasserstands- und Abflussdaten sowie der Wetterprognosen. Der computergestützte Datenaustausch wird aktiviert, wenn am Pegel Bregenz und am Pegel Konstanz und im schweizerischen Romanshorn einen Wasserstand von 4,50 Meter übersteigt. Vereinheitlicht wurden bereits die Warnwerte und die Notfallpläne. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21./22. Oktober 2000)