Wien - Die Postler machen Ernst mit der Mobilisierung gegen die Unternehmensleitung und deren Rationalisierungskonzept "Speed". Dieses sieht bis 2004 den Konzernumbau und den Abbau von 6000 Dienstposten vor. Wie aus ÖIAG-Kreisen verlautet, wurden die Belegschaftsvertreter am Donnerstag bei Aufsichtsratschef Johannes Ditz vorstellig, um beim ÖIAG-Finanzvorstand eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung zu erwirken.

Was ihnen offensichtlich gelungen ist, denn am 31. Oktober, also zwei Tage, bevor der Vorstand unter Generaldirektor Anton Wais im Finanzausschuss seinen Businessplan für die nächsten drei Jahre präsentiert, wird es zum "High Noon in der Postgasse" kommen. Die Arbeitnehmervertreter wollen die Kapitalvertreter im Kontrollgremium in die Pflicht nehmen und ihren Einspruch gegen die Wirtschaftsführung deponieren.

"Der Aufsichtsrat soll umfassend informiert werden über die Auswirkungen der geplanten Maßnahmen. Niemand soll nachher sagen können, er habe nichts gewusst", begründet Gerhard Fritz, oberster Postgewerkschafter für Wien, Niederösterreich und Burgenland, auf Anfrage des STANDARD die Initiative.

Management unter Druck

Konkret entzündet sich der seit dem Sommer schwelende Streit zwischen dem Vierervorstand und den knapp 31.000 Postlern (ohne Postautobus, Anm.) an der so genannten Zustellkonzentration und der Neuorganisation des aus 2300 Postämtern bestehenden Vertriebsnetzes. Wie bereits mehrfach berichtet, will der Post-Chef die Verteilung der Briefe und Pakete künftig über 470 Zustellbasen statt wie bisher über 1970 Postämter abwickeln.

Die umstrittene Maßnahme, die den maroden gelben Riesen rund 1,4 Milliarden Schilling (101,74 Mio. EURO) und 1000 Zustellern ihren Job kosten wird, hat den Aufsichtsrat bereits im August beschäftigt. Der Knackpunkt: Solange die sechs geplanten Logistikzentren nicht in Betrieb gehen - in Wien-Inzersdorf fand bis dato kein Spatenstich statt -, rechnet sich die Zustellkonzentration nicht. Das räumt auch Wais ein, der dennoch mit der Umsetzung beginnen will.

Laut internen Berechnungen beträgt das 1,4-Milliarden-Investment in der Kapitalwertberechnung nach fünf Jahren immer noch 800 Mio. S. Nach dem desaströsen Halbjahresergebnis heuer ausgeglichen zu bilanzieren dürfte schwierig werden, obwohl seit Juni rund 900 Postler krankheitshalber die Dienstunfähigkeitspension angetreten haben, heißt es in der Postgasse. Die Gewerkschaft befürchtet nun, dass der vereinbarte Pilotversuch mit 50 Zustellbasen der Start "durch die Hintertür" sei. So laufe etwa die Vergrößerung des Fuhrparks bereits auf Hochtouren. "Da bleiben 1000 bis 1500 Autos über, weil die notwendigen Personalmaßnahmen fehlen", kritisiert Post-Gewerkschafter Robert Wurm.

Parallel dazu sollen kleine Landpostämter zu größeren Kosten- uns Verkaufseinheiten zusammengeschlossen werden. Als oberste Verwaltungseinheit soll je eines von 400 bis 500 Servicepostämtern fungieren. Die dem Vernehmen nach mit den Zustellbasen aber nicht deckungsgleich sind, was wiederum einen beträchtlichen Mehraufwand verursache. Im ländlichen Raum würden dadurch rund 1000 Postamtsleiter zu Teilzeitkräften mit rund 30 Wochenstunden degradiert, moniert ein anderer Gewerkschafter.

Hinzu kommt, dass das Verhandlungsklima zwischen Vorstand und Belegschaft einen historischen Tiefstand erreicht hat. Die Führungscrew spiele auf Zeit, statt zu verhandeln, um so den Personalabbau im Frühjahr durchpeitschen zu können, so ein Vorwurf der Arbeitnehmervertreter. Den von Aufsichtsratschef Ditz verordneten Gesprächen hinter verschlossenen Türen entspricht das Duell wohl eher nicht. Daran dürfte die vom Post-General für heute, Montag, eilig einberufene Sitzung mit dem Betriebsrat, die der "Beseitigung von Missverständnissen" dienen soll, auch nichts mehr ändern. (Luise Ungerboeck, D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 23 . 10 . 2000)