Wien - "Wer wagt es noch zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt zu behaupten, ob es Nono ist, der das versinkende Venedig hochhält oder umgekehrt?", fragte Igor Strawinsky 1965. In der Tat gab es zwischen Luigi Nono und seiner Heimatstadt nicht nur ausgeprägte musikalische Wechselwirkungen. Auf der Insel Giudecca wohnhaft, mit grandiosem Blick auf die Lagune, war für Nono als prototypisch engagiertem Künstler auch der Weg in eine mitunter mystizistische Innenwelt denkbar. Mancher mochte in ihm gar nazarenische Züge zu erkennen. Antoine Goléa etwa glaubte, ein "Heiligenbild des Quattrocento sei aus einem Glasfenster oder Fresko zu uns heruntergestiegen, hat in seine musikalische Arbeit die Herzensreinheit und die Geistesstrenge gelegt, welche seine physische Erscheinung, die Weichheit der Stimme, das Licht seines Blickes und des Lächelns reflektiert". Seit Nonos Tod am 9. Mai 1990 hat sich die Tendenz zur Verklärung verstärkt. Über manche seiner Werke, besonders aber über den 1984 in Venedig uraufgeführten Prometeo (die Sprecher waren Heiner Müller und Margarita Broich), wird mit einer gewissen Scheu gesprochen. Man spürt, dass hier die ästhetische Erfahrung noch etwas anderes in sich birgt, und das kann man dann zu benennen versuchen, etwa als Religiöses, wohl wissend, dass damit im Grunde nichts gesagt ist. Auch die raren Aufführungen weben am Mythos mit. Unvergessen sind die beiden Salzburger Festspiel-Aufführungen 1993 in der übervollen Kollegienkirche. Man glaubt es indes kaum: in Wien war Nonos opus summum noch nie zu hören! Der Prometeo hat - so viel zur Ästhetik - das Offene, Fragmentarische, Unabgeschlossene in seine Werkgestalt eingeschrieben. Nono spürte, Jahre vor den Veränderungen, die unsere Welt neu prägen sollte, dass das Zeitalter der sicheren Antworten vorbei war. Sein Prometheus ist nicht der selbstgewisse Feuerbringer, sondern der Fragende. Das Werk selbst, das mit seinem riesigen Aufgebot zumeist fragmentarische, in sich hineinhorchende Klänge produziert, will zur produktiven Verunsicherung der Hörer beitragen: "Ascolta!" - "Höre!" lautet eine immer wiederkehrende Aufforderung des vom Philosophen Massimo Cacciari zusammengestellten Textes. Nono, so berichtete sein Weggefährte André Richard jüngst, habe stets unwirsch reagiert, wenn Musiker glaubten, jetzt die vorgeschriebenen Noten "richtig" verstanden zu haben. Er habe sie gedrängt, weiter zu experimentieren, ihre Grenzen weiter abzuschreiten, auf das Risiko des Scheiterns hin: Der "suono rotto", der gebrochene, abgebrochene Klang war sein Ideal. Keine Visualisierung Nono nutzte alle technischen Möglichkeiten der Live-elektronik, das Stück klingt immer neu, muss jedem Raum neu angepasst werden, aber es ist kein selbstgewiss-technokratisches Verfügen über den Klang dahinter. Das Werk trägt durchaus autobiografische Züge, verbirgt sich nicht hinter irgendwelchen Mauern. Der Weg wurde für Nono zum Ziel. Hatte er noch 1968 postuliert, "dass es keinen Unterschied macht, ob ich eine Partitur schreibe oder einen Streik organisiere" (agitatorische Massenchöre `a la Eisler blieben ihm jedoch stets fremd), so formulierte er nun seine Botschaften mit der gleichsam geflüsterter Hartnäckigkeit. Prometeo heißt denn auch nicht zufällig im Untertitel "Tragödie des Hörens". Hatte sich Nono anfänglich noch ernsthaft mit dem Gedanken einer Visualisierung durch den polnischen Theatermagier Tadeusz Kantor getragen, so verzichtete er schließlich darauf. Die Tragödie spielt sich im Inneren des Hörers ab. Am Samstag also ereignet sich bei Wien modern die Wien-Premiere des Prometeo. Es spielt das Ensemble Modern Orchestra unter der Leitung von Yoichi Sugiyama und Emilio Pomàrico. Es singt der Solistenchor Freiburg. Die Klangregie hat André Richard. "Ascolta!" - "Höre!" (ws/wf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 10. 2000).