Standard: Sie sind eines "der Feindbilder" der FPÖ. Das wurde nach der Landtagswahl in der Steiermark wieder einmal deutlich. Wie sehen Sie die Auseinandersetzung? Leitl: Es werden von der FPÖ derzeit immer wieder einige Namen genannt: die Landeshauptleute Erwin Pröll, Franz Schausberger, Wendelin Weingartner und natürlich Innenminister Ernst Strasser. Ich glaube, da ist inzwischen die halbe Volkspartei versammelt. Zur Sache selbst ist zu sagen: Die Freiheitlichen würden es nicht gerne sehen, wenn man sagt, sie sollen ihre Leute zur Ordnung rufen. Abgesehen davon, dass Ordnungsrufe an eine selbstständige Interessenvertretung der Wirtschaft nicht möglich sind. Wir sind nicht Vorfeldorganisation einer Regierung und schon gar nicht einer Partei. STANDARD: Sie lassen sich also nicht den Mund verbieten? Leitl: Es gibt absolut keinen Anlass dazu. Wir waren bis jetzt loyal zur Regierung, und wir haben die Regierung auch immer unterstützt. Wenn Herr Haider meint, dass er nicht der Lastesel der Nation sein will, dann weise ich in aller Bescheidenheit darauf hin, die Lasteselfunktion ist derzeit der Wirtschaft zugedacht. Die Wirtschaft trägt sehr viel mehr zur Sanierung des Budgets bei, als dies manche sehen wollen. STANDARD: Haider sieht das anders. Er sieht die so genannten kleinen Leute belastet. Leitl: Die kleinen Leute haben das größte Interesse an einer florierenden Wirtschaft. Es geht um ihre Jobs, um ihr Einkommen, es geht um ihre soziale Sicherheit. Ich kann ehrlich gesagt mit der Teilung - hier die böse Wirtschaft mit den so genannten großen Leuten und dort die kleinen Leute - nichts anfangen. STANDARD: Ein weiterer Streitpunkt ist die Frage der Zuwanderung von Computerfachkräften. Bundeskanzler Schüssel hat dem Druck Haiders nachgegeben und Innenminister Strasser, der eine höhere Quote wollte, zurückgepfiffen. Was sagen Sie dazu? Leitl: Ich verstehe die Haltung des Bundeskanzlers. Er ist Vorsitzender einer Koalition und hat daher immer zwischen beiden Teilen auszutarieren. Aber zwischen der Aussage eines Bundeskanzlers und der Aussage eines wirtschaftlichen Interessenvertreters ist ein Unterschied. Ich sage ganz klar, was ich mir denke: Strasser hat Recht. Und wenn wir nicht das tun, was der Strasserschen Vernunft entspricht, dann schneiden wir uns ins eigene Fleisch. Schauen Sie in die Steiermark. Dort sagt der Landesrat Paierl ja schon, dass er sich gar nicht um die große BMW-Investition bewirbt, weil er die Zahl der benötigten Fachkräfte nicht hat. Dann kann ich nur bedauernd sagen, machen wir nur weiter so . . . STANDARD: Womit Sie auch die Haltung Schüssels kritisieren . . . Leitl: Ich habe Verständnis für den Kanzler und dass er gerade angesichts der bevorstehenden Wiener Landtagswahlen die Situation nicht eskalieren lassen kann. Aber ich bin überzeugt, dass auch der Bundeskanzler die Sache nicht als klug empfindet. Aber das Thema ist deswegen noch lange nicht vom Tisch. STANDARD: Streit mit der FPÖ gibt es auch wegen der EU-Osterweiterung. Wie stehen Sie zur Forderung nach einer Volksbefragung oder Volksabstimmung? Leitl: Was heißt Volksabstimmung? Soll über jedes Partnerland einzeln oder soll en bloc abgestimmt werden? Was ist, wenn von 15 Abstimmungen 14 positiv und eine negativ ausgehen? Das sind alles rechtlich und politisch ungeklärte Fragen. Daher meine ich, wenn man nicht Emotionen provozieren will, ist es in einer repräsentativen Demokratie üblich, dass diejenigen, die für die Regierung bestimmt sind, auch solche Sachfragen zu entscheiden haben. Außerdem gibt es auch die Institutionen der Union, an denen Österreich teilnimmt und wo man die Stimme erheben kann. STANDARD: Wäre das Beharren auf einer Volksabstimmung seitens der FPÖ eine Sollbruchstelle für die Koalition? Leitl: Über die Koalition kann und will ich mich nicht äußern - das hat der Bundeskanzler zu tun. Ich als Wirtschaftsvertreter bin aber der Meinung, dass wir alles unterlassen sollten, was zu einer Verunsicherung oder gar zu einem Misstrauen der Erweiterungsländer führt. Im ersten Halbjahr hatten wir ein Plus der österreichischen Exporte in diese Länder von 26 Prozent aufzuweisen. Das heißt, österreichische Produkte sind begehrt, und das sichert österreichische Arbeitsplätze. Wer mit politischen Emotionen spielt, gefährdet diese Arbeitsplätze. STANDARD: Kurz gesagt, die FPÖ spielt in dieser Frage mit dem Feuer. Leitl: Ich würde den Begriff "Spiel mit dem Feuer" nicht verwenden, weil ich sonst selbst zur Emotionalisierung beitrage. Ich will eine Entspannung in den Worten, in den Strategien und eine Linie der Vernunft haben. Ich glaube, dass diese Vernunft sichtbar und machbar ist. Ich habe aber Bedenken, dass man in der politischen Strategie, vor allem wenn man Probleme hat wie derzeit die Freiheitlichen, wieder aus der Mottenkiste etwas herauszieht, das zwar kurzfristig - möglicherweise bei einer Wahl - ein paar Prozenterln mehr bringt, aber langfristig großen Schaden für das Land bringt. STANDARD: Das heißt, ein Wahlkampf zugespitzt auf diese Frage wäre aus der Sicht der Wirtschaft schädlich? Leitl: Ja. Das schadet Österreich, denn Österreich ist der Gewinner der Erweiterung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 10. 2000)