Neben der Sphinx Heiner Müller, die in der Bildmitte als ihr eigenes Dichterrätsel unwidersprochen thronte, nahm sich Kollege Volker Braun immer ein wenig randständig aus: als schwarzer, seitlich an den Bildrand der "offiziellen" DDR-Literatur abgedrängter Kolk- und Kohlenbergbau-Rabe. Dabei ist Volker Brauns Weltliteratur eines der raren Qualitätsprodukte einer landesweit abgeschnürten und erstickten Volkswirtschaft. Braun, Jahrgang 1939, entstammt der teilautonomen "Sächsischen Dichterschule". In der Zentrale in Ostberlin rümpften die Literatur-Mandarine über den sächsisch gezogenen Dichternachwuchs wie Karl Mickel, Heinz Czechowski oder eben Braun verlässlich die Nase. Was weniger an der Komik des "Sächselns" lag als an der angeblichen Provinzialität der Dresdener. Man nannte sie die "Trüben von drüben", weil sie von der Morphologie ihres Landes schnöde benachteiligt wurden und kein "Westfernsehen" empfangen konnten. An der Wiege Klein-Volkers stand das traumatische Erlebnis der Totalzerstörung Dresdens 1945. Zur adäquaten Wiedererrichtung der Barock- metropole reichten die volkseigenen Mittel nicht hin. Aber gerade hier, im "Tal der Ahnungslosen", konnte sich dafür ein besonders wahrhaftiges Gefühl für die Abbildung des Realsozialismus ungestört ausbilden. Der Staat hat Braun deshalb auch nie in sein früh vergreistes Ulbricht-Herz schließen mögen. Da erinnerte er sich in seinen Gedichten an die Arbeitsnächte auf dem "Kohle-Absetzer AS 1120" - er war nämlich freiwillig "in die Produktion" gegangen, weil er sein "gesellschaftliches Bewusstsein" allen Ernstes als Drucker, als Maschinist, als Kombinatsarbeiter vor Ort, im Schlamm, im Dreck, im Flöz "ausbilden" wollte. Man missversteht Braun, wenn man seinen galligen Protest gegen die Einheitspartei als Verrat am "Projekt" des Sozialismus nachträglich bewertet. Man verkennt aber auch den enormen Kunstverstand, den Braun zu mobilisieren verstand - im Zweifelsfall gegen alle, in Wahrheit aber für den sozialistischen Traum. Nach 1989 wurde er auch nicht mehr recht froh. Gegen den gesamtdeutschen Markt schreibt der seit 1965 verheiratete Vater einer Tochter an, gegen die Verlorenheit eines Bewusstseins, das am globalisierten Markt zusammenzuhalten versucht, was nicht zu retten ist. Das erzeugt herrliche Langgedichte, Oden vom Ausmaß des Horaz. Doch die heute, Samstag, erfolgende Darmstädter Auszeichnung mit dem Büchner-Preis wird die unvernarbte Wunde nicht schließen helfen: Über das Erleben zweier Systeme hinweg hat Braun es nicht vermocht, die Klippe der Erfahrungen zu überspringen. Ob das "revolutionär" ist im Sinne Büchners? Es ist aller Ehren wert. (Ronald Pohl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28./29. 10. 2000).