Wien - Unter allen Planeten, die fliegen können, ist der Mensch der größte Bruchpilot. Alles scheint vorgezeichnet: die Sozialflugbahn. Die innere Antriebskraft. Inwendig pocht das Herz; nur der Verstand drückt ein wenig dagegen. Doch dann stürzt Freund Mensch auf halber Flugbahn ab; fällt in ein schwarzes Loch, verschwindet vom Schirm, taucht jäh wieder auf: als fein zerriebenes Körnchen Staub. Als nützlichstes Labor gilt im Theater das wohlhabende, geschmackvoll verspießerte Wohnzimmer. Vor dessen Tapetenwänden stehen, als weithin funkelnde Sterne, zwei Halogenlampen. An der Rückwand des schräg gestellten Wohngefängnisses, das Wilfried Minks im Akademietheater eingerichtet hat, ein monochromes Bild: tiefschwarz. Die Menschen fallen seit Anbruch der Moderne auf so etwas herein. Yasmina Reza, die ihre Figuren sacht und sarkastisch antupft, sie wie Teilchen ins Schleudern bringt oder sie in Rotation versetzt, bis sie weißglühen, hat vor Saisonen ein Bild einfärbig aufgespannt: als matten Abgrund, in den sich die Wohlstandsmenschen kopfüber hinabstürzten: aus Lust am Wahnsinn. KUNST hieß das Stück; es söhnte den Boulevard mit der Einwegstraße unseres Denkens rein rechnerisch aus.
Vier wie ein Unglück
Auch Drei Mal Leben zeigt vier Flugkörper: drei Nasa-Bilder, aber durch das umgedrehte Teleskop gesehen. Ein Physiker lebt mit einer Kostenrechnerin, seinem Weibe, in Minks' Wohnzimmerweltall. Swing-Jazz tönt, und Ulrich Mühe federt in den Knien. Das Kind im Nebenzimmer will partout nicht schlafen. Dem Götzen wird geopfert: Naschwerk, Apfel, Nerven. Susanne Lothar, das Haar unter dem Handtuch, die tödliche Ruhe wie unter Eis gepackt, thront unbewegt: ein Eiswüstenplanet. Und Mühe tänzelt, federt, forscht und kellnert wie ein Ober als lahmes Familienoberhaupt: der Drahtzieher als Trabant. Diese Wohnzimmergalaxis ist ganz entspannt aus dem Lot, und man muss mindestens bis zum Urknall zurückgehen, um die Gründe für die ursächliche Disharmonie zu finden. Der Anstoß, der Todes-Spin, kommt von außen. Er trägt die massige Riesengestalt des Sven-Eric Bechtolf wie ein gefräßiges Schluckmonster, als schmucken Schmock mit Gemahlin (Andrea Clausen), die ein schöner Ziervogel als flatteriger Schluckspecht ist, auftrumpfend zur Schau. It's Partytime, aber zum falschen Zeitpunkt. Das All aus den Fugen; aber aus den Ritzen zwischen den Gesprächen klettert die Macht hoch und die Großsprecherei und das Unglück als Lebensdebakel und Unterwerfung als letzter Schrei. Das alles richtet Luc Bondy als schicken, quecksilbrigen Überlebens-Boulevard ein, mit Rutschpartien und Kniefälligkeiten, während die Steuermechanismen ausfallen. Und der Oberphysiker (Bechtolf) platzt vor Gier und Stolz wie eine Supernova, während sein Unterphysiker (Mühe) zum Klumpen Feststoff gerinnt. Bechtolf versetzt Mühe mit einer Bemerkung über dessen wissenschaftliche Aussichten den Todesstoß. Dabei starrt Mühe Löcher in den Nebel, und Bondy ist am Krater-Gipfel seiner Kunst. Selbst aus dem Tanz der Teilchen macht er ein Ballett! Weltall, Blackout. Die zweite Szene gleicht der ersten aufs Haar, nur unter veränderten Vorzeichen. Mühe trägt die Wunde des Versagers wie eine Oberflächenabschürfung sichtbar spazieren. Ab nun passiert das Nämliche; aber als hätte die Ordnung der Schöpfung sich unmerklich weitergedreht, wirken die Trabanten nun als hell glühende Zentralsonnen - und noch dieser Schein trügt. Weinseligkeit tritt an die Stelle von Ergebenheit. Die tektonischen Verwerfungen verlaufen zwischen den Paaren. Und man muss in diesem Boulevard-Kunststück, dem besten, das man sich vorstellen darf, schon das eigene Schau-Glas befragen: Was sieht man, wenn man die Unterschiede sieht? Eine Geschichte des Verrats: Als hätten die Wohlstandsmenschen mit ihrem Vorankommen, mit ihrem Fortfliegen schon nicht mehr gerechnet. Das Antlitz der Lothar erstarrt zur Maske, wenn Bechtolf ihren Unterleib mechanisch befühlt. Weltall, Blackout Nummer zwei. Die Bruchpiloten, eben noch stolze Flugkörper auf abwegigen Liebeskollisionskursen, sitzen einträchtig nebeneinander auf der Couch. "Melancholie" heißt das Zauberschlüsselwort; und als wären die Menschen ihrer Schliche bewusst, dämmern sie in ihr Unglück hinüber, während Musik tropft. Müsste jetzt nicht Szene eins beginnen? Die vierte Szene eines theaterphysikalischen Triumphes passierte, als Yasmina Reza die Publikumshuldigungen verdient entgegennahm. Mit dem besten Navigator (Bondy) an ihrer Seite. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 10. 2000)