Der Exodus der Napster-Fans hat bereits begonnen. Dass sich die bisher kostenlose Internet-Musiktauschbörse mit dem Bertelsmann-Konzern verbündete, hat viele Nutzer vor den Kopf gestoßen. Von "Betrug" und "Lüge" ist in den Chat-Foren der Napster-Site am Tag nach der Ankündigung die Rede, das Gratis-Angebot solle zur kostenpflichtigen Website werden. Napster habe "die Seite gewechselt" und sei vom "Big Business geschluckt" worden, werfen die bisherigen Nutzer dem Management vor und drohen mit Abwanderung. Etappensieg Die Musikindustrie, die einen Musterprozess gegen Napster angestrengt hat, sieht die Allianz mit Bertelsmann als Etappensieg. Der Kampf gegen illegale Online-Downloads aus dem Netz, die kommerziellen Anbietern das Wasser abgraben, sei damit aber noch lange nicht gewonnen. Die Entrüstung der Napster-Fans ist verständlich. Die Tauschbörse bot ein nahezu perfektes und dazu kostenloses System zum Auffinden und Herunterladen von Musiktiteln aus dem Internet. Dabei speichert Napster auf seinen Servern selbst keine Titel, sondern verwaltet lediglich eine Datenbank, die auf Musikstücke auf den Festplatten der Napster-Nutzer verweist. Mit jedem zusätzlichen Napster-Fan wächst die Zahl der verfügbaren Titel. Bei zuletzt 37 Millionen Nutzern ist bei Napster damit quasi alles zu finden. Allein im September wurden 1,4 Milliarden Musiktitel über Napster getauscht. Gründe Dass Napster nun eine Partnerschaft mit Bertelsmann eingeht, hat viele Gründe. Auf Dauer war es auch für das Start-up-Unternehmen schwierig, die Gratis-Strategie durchzuhalten. Immerhin kostet der Unterhalt des Dienstes pro Monat 500.000 Dollar. Zudem wurde die Luft für Napster rechtlich gesehen zunehmend dünner. In dem von der US-Musikindustrie angestrengten Prozess hatte die Napster-Führung argumentiert, sie könne unmöglich kontollieren, ob die Nutzer urheberrechtlich geschützte Stücke zum Tausch zur Verfügung stellen oder etwa Eigenkompositionen zum Herunterladen ins Netz bringen. Dennoch stand die Tauschbörse im Sommer schon kurz vor dem Aus, nachdem die Plattenkonzerne eine Einstweilige Anordnung zur Schließung des Angebots erfochten hatten. Auch wenn ein Berufungsgericht die Entscheidung Ende Juli zunächst wieder aufhob, ist ungewiss, wie das Verfahren ausgehen wird. MP3.com als ähnliches Angebot hatte im September vor Gericht gegen die US-Plattenfirma Universal eine schwere Niederlage erlitten und war zur Zahlung von bis zu 250 Mill. Dollar (297 Mill. Euro/4 Mrd. S) verurteilt worden. MP3.com ging zwar in Berufung, einigte sich zuletzt aber mit dem Verband der nationalen Musikherausgeber NMPA und einzelnen Verlagen gütlich auf die Zahlung zweistelliger Millionensummen für die Verbreitung von Musiktiteln. Zweifel Ob Bertelsmann wirklich ein Interesse daran hat, Napster zu einem kommerziellen Dienst und damit zu einem Konkurrenten für eigene Angebote auszubauen, wird von Branchenkennern bezweifelt. Interessant für die Gütersloher ist sicher der hohe Bekanntheitsgrad. Dass sich die Napster-Klientel so ohne Weiteres für ein kostenpflichtiges Angebot begeistern lässt, glaubt aber selbst in der Konzernzentrale niemand. Enttäuschte Fans empfehlen auf der Napster-Website bereits Adressen anderer Gratis-Angebote wie www.scour.com oder www.newtella.com. "Wenn Ihr anfangt, Geld zu verlangen, werden wir eben eines der vielen anderen Angebote nutzen, wo Musik weiter umsonst ist", gibt ein Napster-Fan eine weit verbreitete Meinung wieder. Napster erfährt damit das selbe Dilemma, unter dem viele kommerzielle Online-Musikhändler leiden. Der Branche fällt es angesichts der Konkurrenz kostenloser Angebote schwer, schwarze Zahlen zu schreiben. (Von Martin Trauth/APA)