Wien - Knapp 25 Jahre, 1973 bis 1997, gehörte Juri Grigorowitschs Inszenierung des Tschaikowsky-Ballettklassikers Der Nussknacker zum weihnachtlichen Familienprogramm der Staatsoper. Am kommenden Sonntag bringt Renato Zanella seine eigene Fassung zur Premiere. Das von Marius Petipa nach E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und Mausekönig erarbeitete, 1892 in St. Petersburg uraufgeführte Ballett, hat der Wiener Chefchoreograph umgemodelt. "Das Libretto ist neu und trägt doch bekannte Züge. Ich habe die Geschichte um 1890 angesiedelt und als Machtspiel zwischen Clara-Maria und ihrem Onkel Baron Max von Drosselberg angelegt", so Zanella. "Clara-Maria ist kein Mädchen, sondern eine junge starke Frau, eine Erbprinzessin. Der intrigante Drosselberg entspricht dem magischen Drosselmeier und dem Mausekönig in einer Figur. Um selbst Herrscher zu werden, entführt Drosselberg seine Nichte, reist mit ihr um die halbe Welt, um sie in ein Gefängnis im kalten Norden einzusperren. Hinterher zieht ihr Verlobter, Prinz Alexej, es wird gekämpft . . . Happy End!", schildert Zanella die turbulente Handlung. Zahlreiche Choreographen des 20. Jahrhunderts haben gewagte Neuinterpretationen des Nussknackers geliefert. Was hat Zanella zu seiner Märchenvariante veranlasst? "Die Tänzer haben mich zur Rollenzeichnung inspiriert. Ihr Stärke ist das Charakterfach. Ich wollte einverständlich erzähltes Unterhaltungsstück schaffen. Ich mache kein Psychoballett. Ich habe keine Lust an einer Story, wo die Mutter mit dem Onkel - oder wo es Pädophilie gibt. In meinem Nussknacker überwiegen Satire und Humor. Und anspruchsvoller Tanz." Zanellas "kleiner Kinderthriller" soll der ganzen Familie Spaß machen. Zwecks dramatischer Effekte hat Dirigent Michael Halász Tschaikowskys berühmte Komposition bearbeitet, Nummern umgestellt und durch Auszüge aus Romeo und Julia ergänzt. Ausstatter Christof Cremer setzt auf Reduktion. Seit fünf Jahren leitet Renato Zanella das Staatsopernballett. Im September wurde sein Vertrag bis 2005 verlängert. Zeit für eine Zwischenbilanz: "In meiner Wiener Zeit ist es nur bergauf gegangen. Sicher gab es problematische Situationen, wurde über Verkleinerung oder sogar über die Auflösung der Kompanie debattiert. Wir haben aber bewiesen, dass wir funktionieren. Wir bleiben eine große Kompanie mit rund 80 Tänzern, sonst können wir weder Schwanensee noch Die Bajadere tanzen. Unsere Produktionen verkaufen sich gut. Auch das Ausland ist an Gastspielen interessiert." Dass es dem Repertoire an aktuellen Balletten mangelt, bestreitet Zanella nicht. Die Erfolge der Off-Ballettschiene im Odeon haben ihm aber Mut gegeben, eventuell Gegenwärtiges von Nicolas Musin und Marguerite Donlon an der Oper zu etablieren. Ansonsten wird die "große Form" praktiziert werden: Zanella choreographiert Aram Chatschaturians Spartakus (2002), mit John Neumeier verhandelt er über dessen Kameliendame , und mit Alicia Alonso über Giselle ; eine Wiederaufnahme von Dornrös chen ist in Planung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3. 11. 2000)